------Interview zum Thema "Verkehrssicherheit"

Pfarrer Norbert Blome antwortet:

  1. Straßenverkehr und Kirche - ein bislang eher stiefmütterlich behandeltes Thema, oder?

Fast 10.000 Verkehrstote und 13.000 verunglückte Kinder unter sechs Jahren im vergangen Jahr sind einfach zuviel. Darum sind alle gesellschaftlichen Gruppen, also auch die Kirche und ihre Gemeinden und Verbände gefordert. Ich würde mir wünschen, dass möglichst viele Kirchengemeinden sich stärker in der Verkehrssicherheitsarbeit engagieren.

 

  1. Was können evangelische und katholische Kirche ganz konkret zur Verkehrssicherheit beitragen?

Einiges geschieht dazu inzwischen. Die Evangelisch-Katholische Arbeitsgemeinschaft für Verkehrssicherheit stellt regelmäßig Materialien als Hilfe für die Gemeinden zusammen. Themen in den letzten Jahren waren z.B. "Ein Unfall ist kein Zufall", "Schutz des Lebens auf Europas Straßen", "Mit Kindern unterwegs" oder "Damit sie nicht unter die Räder kommen".

Viele Gemeinden wirken hier vorbildlich und arbeiten mit den verschieden Altersgruppen vom Kindergarten bis zur Seniorengruppe. Die Arbeitsgemeinschaft bietet jährlich zwei Verkehrskundliche Seminare für hauptamtliche Seelsorger oder Seelsorgerinnen an, die auch besonders über diese Arbeit in Gemeinden informieren.

 

  1. Die neue Broschüre trägt den Titel "Dem Leben zuliebe". Welche Erwartungen knüpfen Sie persönlich an dieses Heft?

Die Broschüre "Dem Leben zuliebe“ gibt den Gemeinden viele Anregungen zur Verkehrssicherheitsarbeit. Es wäre gut, wenn jeder Pfarrgemeinderat, jeder Lehrer sich diese Broschüre zur Hand nehmen um zu schauen, wieweit das, was sie anregt auch in der Gemeinde umzusetzen ist. Es gibt vielfältige Möglichkeiten, Verkehrssicherheitsarbeit ohne zusätzliche Angebote in laufende Programme mit aufzunehmen. Es handelt sich um konkrete Lebenshilfe, wenn ein Familiengottesdienst ein Verkehrssicherheitsthema aufgreift, wenn Senioren in einem Vortrag etwas darüber hören, wie sie mobil bleiben können, wenn Jugendliche auf die Gefahren des Discounfalls hingewiesen werden.

 

  1. Was zeichnet Ihrer Meinung nach einen verantwortungsbewussten Verkehrsteilnehmer aus?

Die Verkehrssicherheitsarbeit des Deutschen Verkehrssicherheitsrates und der Verkehrswacht zielt darauf ab, richtiges Verhalten einsichtig zu machen. Einsicht setzt Information voraus. Verantwortungsbewusst ist meiner Meinung nach der, der weiß, dass sowohl die Möglichkeiten, wie auch die Voraussetzungen von Menschen und Fahrzeugen am öffentlichen Verkehr teilzunehmen, sehr unterschiedlich sind. Ein Kind z.B. kann in einem bestimmten Lebensalter einfach noch nicht abschätzen, wie schnell ein Fahrzeug sich nähert. Ganz abgesehen davon, dass es häufig auch nicht in der Lage ist, Gefahren einzuschätzen oder so konzentriert am Verkehr teilzunehmen, wie es von einem reifen Menschen zu erwarten ist. Alles, was uns das menschliche Zusammenleben erleichtert, ja, was dieses Zusammenleben erst ermöglicht, ist auch im Straßenverkehr gefordert. Achtung des anderen und die Respektierung seiner Rechte, Geduld, Aufmerksamkeit, Rücksicht, Augenmaß und vieles andere zeichnet den verantwortungsbewussten Verkehrsteilnehmer aus.

 

  1. Welche Personen sind im Straßenverkehr besonders gefährdet?

Gerade Kirchengemeinden und kirchliche Jugendgruppen sollten wissen, dass die Altersgruppe der 18 bis 25 Jahre alten Teilnehmer am Straßenverkehr doppelt so oft in tödlich ausgehende Verkehrsunfälle verwickelt ist, wie es ihrem Anteil in der Gesamtbevölkerung entspricht. Fast 40 % der Verkehrstoten fallen in die Gruppe der 15- bis 25-jährigen, obgleich diese Altersstufe nur 12 % der Gesamtbevölkerung ausmacht. Natürlich muss in diesem Zusammenhang auch immer wieder daran erinnert werden, daß die Schwächeren generell auch die Gefährdeteren sind, das sind besonders die Kinder oder die alten und behinderten Menschen.

 

  1. Aggressivität und Gewalt im Straßenverkehr sind in den letzten Jahren stetig gestiegen. Sind Appelle an die Vernunft vor diesem Hintergrund nicht schlicht zu wenig?

Sowohl im beruflichen, wie auch im schulischen Alltag gelten Durchsetzungsvermögen, das Ausnutzen der eigenen Vorteile, den Gebrauch der Ellenbogen als wichtige Voraussetzung dafür, dass man den harten Konkurrenzkampf gewinnt, daß man im Leben durchkommt. Wie mit Gewalt und Aggression umgegangen wird, hängt von den Verhaltensnormen einer Gesellschaft ab. Genau dies sind aber im Verkehrsalltag tödliche oder zumindest lebensgefährliche Verhaltensweisen. Ein Appell an die Vernunft wird wenig fruchten. Viel wichtiger ist es, die Menschen zur größeren Einsicht zu führen, ihnen Zusammenhänge zu verdeutlichen. Was der eine als normal sportliches Verhalten einstuft, z.B. den so genannten Kavaliersstart an einer Ampel, um sich in einer folgenden Fahrbahnverengung an die Spitze zu setzen, erlebt der andere möglicherweise als Gewalt. Für die Teilnahme am Straßenverkehr andere Verhaltensregeln einzuüben ist ganz wichtig. Gewaltfreies Autofahren beginnt im Kopf. Gewaltprävention ist notwendig und eine gesellschaftliche Aufgabe.

 

  1. Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang Alkohol oder Drogen?

Alkoholkonsum ist in unserer Gesellschaft so selbstverständlich, daß in der Diskussion um eine Promillegrenze ein Totalverzicht offensichtlich ausgeschlossen bleibt. Dazu ist aber wichtig zu wissen, dass Fachleute immer wieder darauf hinweisen, auch Alkoholkonsum im Rahmen der noch erlaubten Grenzen ist eine erhebliche Verkehrsgefährdung. Gerade der Konsum relativ geringer Mengen Alkohol bringt Verkehrsteilnehmer in die Gefahr, ihre eigenen Möglichkeiten leicht zu überschätzen und die Gefahren eher zu unterschätzen. Und daher ist die Dunkelziffer der Verkehrsgefährdungen und Unfälle, die, obwohl ein zu hoher Alkoholkonsum nicht nachgewiesen wurde, doch mit Alkohol zusammenhängen, relativ hoch. Ähnlich wird es sein im Gebrauch von Drogen, wobei hier festzustellen bleibt, daß die Verkehrsüberwachung bisher kaum in der Lage ist, den Konsum von Drogen im Straßenverkehr bei Verkehrskontrollen nachzuweisen. Hier sind umständlichere Verfahren notwendig, wenn ein solcher Konsum bei einer Kontrolle überhaupt erkannt wird.



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