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Extra ecclesiam
nulla salus
Das Axiom von
der „alleinseligmachenden Kirche“ riecht
nach Gruppenegoismus, Größenwahn und Intoleranz. Es
will dem heutigen Menschen nicht mehr über die Lippen. Dennoch:
Man darf sich durch die Anstößigkeit des Wortlauts die
gemeinte Sache nicht verdecken lassen. Was ist mit dem Axiom gemeint?
Zunächst zu seinem Ursprung: Bereits Origenes hat formuliert: „Außerhalb
der Kirche wird niemand gerettet“ (Origenes, In Jesu Nave
3,5; PG 12, 841). Später wurde daraus der Satz: „Außerhalb
der Kirche kein Heil“ (Extra Ecclesiam nulla salus). Dieser
Satz gehört zum festen Glaubensgut der Kirche. Denn er speist
sich aus zwei anderen Glaubensaussagen:
1. Christus allein ist
die Wahrheit und der Weg für das Heil
der Welt (vgl. Joh 14,6).
2. Die Kirche ist der Ort unter den Völkern, wo das von Christus
geschaffene Heil anwesend und wirksam ist. – Weil beides
vom Neuen Testament her völlig eindeutig ist, kann die Kirche
das „alleinseligmachend“ nicht zurücknehmen. Sie
würde sich sonst von der Erlösung durch Christus und
von ihrer Indienstnahme als „Sakrament des Heils für
die Welt“ verabschieden.
Die Frage „Können auch Nichtgetaufte ewig selig werden?“ engt
das, worum es bei dem Axiom geht, in einer unerträglichen
Weise ein. Was diese Spezialfrage angeht, hat die Kirche seit Jahrhunderten
gesagt, dass es ein votum ecclesiae gibt, das heißt, eine
Sehnsucht nach der Wahrheit, nach dem Guten, nach der richtigen
Gesellschaftsordnung. Wer von Christus nichts weiß und nie
erfahren hat, was Kirche ist, aber in solcher Sehnsucht lebt und
handelt, wird sein ewiges Heil nicht verlieren.
Bei dem „alleinseligmachend“ geht es aber gar nicht
in erster Linie um diese Spezialfrage. Die Verheißungen der
Bibel meinen mehr als die ewige Seligkeit des einzelnen nach dem
Tod. Es geht immer auch und sogar vor allem um diese Welt – ob
es in ihr Frieden und Glück, Freiheit und Menschenwürde,
Solidarität und Menschlichkeit gibt. Gott will nichts sehnlicher
als eben dieses „Heil der Welt“.
Wie kann es Realität werden? Die Bibel sagt: Es hat in der
Welt an einer Stelle angefangen: mit dem Glauben und dem Gehorsam
Abrahams. Es hat Form angenommen in Israel, wenn das Gottesvolk
die Sozialordnung vom Sinai lebte und auf seine Propheten hörte.
Und es ist endgültig in der Welt festgemacht durch die Botschaft
und die Lebenshingabe Jesu, der Israel zum endzeitlichen Gottesvolk
gesammelt hat.
„Außerhalb der Kirche kein Heil“ heißt
also vor allem: Auf einem langen Weg wurde mitten in der Welt in
einem unglaublichen Experiment unter vielen Opfern die richtige
Gesellschaft gefunden, die dem Willen Gottes entspricht. Diese
Gesellschaft zu leben und auszubreiten, wäre das Glück
für die Völker. Die Erfahrung des Glaubens sagt: Es ist
der einzige Weg!
Professor Dr. Gerhard
Lohfink, Bad Tölz
© Akademie
für die Theologie des Volkes Gottes
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