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René Girards Theorie
vom Sündenbock
Wenn es jede Woche neue Krimis gibt, muss das Böse immer
wieder nachwachsen. Durchschnittlich sind es 600 Morde pro Jahr in der
Bundesrepublik. Diese allein sind jedoch nicht allein Motiv, dass so
viele
Krimis im Fernsehen geschaut werden. Im Mord verdichtet sich nur, was
täglich
neu entsteht. Die Zuschauer müssen nicht nur mit den
Alltagsschwierigkeiten
fertig werden, sondern auch mit Unfreundlichkeiten, mit
Zurücksetzung, übler
Nachrede, mit Anfeindungen anderer und auch mit Mobbing.
Eine
aussagefähige Antwort auf die Frage nach dem Mord hat
René
Girard darin gefunden, dass Menschen sich miteinander vergleichen, sich
nachahmen, er nennt das Mimesis. Mimesis, ein griechisches Wort, wurde
zuerst
für ein Kunstwerk gebraucht, das, ob in der Bildhauerei oder
im Theater,
menschliches Verhalten „nachahmt“. Girard gebraucht
das Wort entsprechend dem
jetzigen Bedeutungsrahmens von „Nachahmung“. Warum
führen das „Sich mit anderen
Vergleichen“ und die Nachahmung anderer zum Bösen?
Der Mensch braucht
Objekte, um zu handeln
Anders als das Tier und auch anders als die Triebtheorie von
Sigmund Freud es beschreibt, folgt der Mensch nicht einfach seinem
Begehren, sondern
er sucht für sein Begehren erst einmal ein Objekt. Da er nicht
allein lebt,
sondern auf der Basis der Sprache in das soziale System wie auch in die
Handlungsoptionen anderer verflochten ist, orientiert er sein Begehren
nicht
direkt an seinen Trieben, sondern an dem, was die anderen wollen.
„Ich will
etwas, nicht weil ich es mir ausgewählt habe, sondern weil ein
anderer es will.“
Man kann das an einem einfachen Experiment
überprüfen:
Vier
Kindergartenkinder werden
in einen Raum geführt. In jeder der vier Ecken des Raumes
liegt das gleiche
Spielzeug. Eigentlich ist zu erwarten,
dass jedes Kind in eine der Ecken geht
und spielt. In den meisten Fällen werden die Kinder sich
jedoch beobachten und
dann das Spielzeug haben wollen,
das das erste Kind für sich ausgewählt hat.
Die unbestimmte Offenheit
des Handlungsrahmens auf der einen
Seite und die Sozialität des Menschen auf der anderen Seite
sind nach Girard
die Situation, aus der erst einmal ein ständiges
Sich-Vergleichen folgt, das
dann leicht in Eifersucht, Neid, Streit, Enttäuschung
umschlägt. In der Bibel
steht dafür exemplarisch die Erzählung vom
Brudermord.
Das
Böse - der Brudermord
Weil der Mensch das
begehrt, was der andere will, also
gerade nicht durch den Trieb gesteuert wird, sondern durch das
Auswahlverhalten
anderer, funktioniert z.B. Mode. Ähnlich leben das harte
Training von Sportlern
oder die Lernanstrengungen von Studenten von der Mimesis. Denn durch
den
Vergleich mit anderen und der daraus folgenden Nachahmung gewinnt der
einzelne Energie.
Neben vielen positiven Auswirkungen der Mimesis gibt es auch viele
hemmende.
Die deutsche Einheit ist von dieser Gesetzlichkeit belastet. Die
Menschen in
den Neuen Bundesländern vergleichen ihre Situation
ständig mit der der alten
Bundesländer. In anderen, ehemaligen kommunistischen
Ländern war das nicht
gegeben, man konnte sich leichter, d.h. ohne durch Vergleichen
abgelenkt zu
werden, um das Notwendige kümmern.
Weil der einzelne
ständig andere beobachtet und Entscheidungen
danach trifft, was andere anstreben, entsteht nicht nur Gerede
über andere. Es
verhaken sich die Beziehungen. Das geschieht schon allein dadurch, dass
über
einen anderen in dessen Abwesenheit „hergezogen“
wird. Unzufriedenheit wird so
geschürt, die Stimmung wird schlechter. Aus diesem Sumpf
heraus entstehen die
Untaten. Es fängt nicht mit bösen Absichten an,
sondern mit schlechter
Stimmung. Diese entsteht durch Neid, Eifersucht, durch sich
Zurückgesetzt
fühlen, durch enttäuschte Erwartungen.
Der Abbau der
schlechten Gefühle
Wenn die Beteiligten sich in ihren negativen Gefühlen verhakt
haben, muss
irgendetwas geschehen, um die Stimmung zu ändern. Das gelingt
nun nicht
dadurch, dass man zusammen etwas Schönes macht, z.B. ein Fest
feiert. Dadurch
werden die negativen Gefühle nicht weggeblasen, sie verdichten
sich eher in
Formen der Gewalt. Diese Gewalt muss sich allerdings kanalisieren. Denn
die
menschliche Sippe wäre in ihrem Bestand gefährdet,
wenn die Gewalt sich wahllos
gegen jeden richten würde. Das passiert nur in
Umbruchsituationen, dass jeder
mit seinen Feinden abrechnet. Bürgerkriege erklären
sich in ihrer Heftigkeit
dadurch, dass alte nachbarschaftliche Konflikte so beglichen werden.
Wir haben
solche Kettenreaktionen auch im Faschismus wie im Kommunismus gehabt.
Es traf
nicht nur Ausländer und Juden, sondern auch sog. Arier. In
Deutschland war der
blonde, 1,80 m große Mann trotz der Rassenlehre nicht sicher
vor KZ oder
Erschießung. Die wahllose Verurteilung und
Erschießung von Sowjetbürgern unter
Stalin zeigt ein ausuferndes Gewaltsyndrom, dessen Prinzip war, dass
keiner vor
einem Schauprozess sicher sein konnte.
Der Sündenbock
reduziert die Gewalt auf ein Opfer
Hätte die Menschheit nach dem Muster dieser Kettenreaktion
von Gewaltanwendung die mit Notwendigkeit entstehenden schlechten
Gefühle
herausgeschafft, hätten die ersten Sippen nicht
überlebt. Girard stellt dazu
eine einfache Überlegung an: Wenn in einem Stamm, in dem alle
Männer für die
Jagd mit Waffen ausgerüstet sind, diese nicht für die
Jagd eingesetzt, sondern
gegeneinander erhoben würden, wäre der Stamm in
seiner Existenz gefährdet. Das
Gleiche gilt aber auch für eine Abteilung in einem
Unternehmen, einer
Institution – wenn jeder gegen jeden „Rechnungen
begleichen“ würde, wäre das
Ganze gefährdet. Die Lösung besteht darin, dass man
einen sucht, auf den sich
alle unguten Gefühle richten können. Wenn dieser
gefunden und ausgestoßen oder
vernichtet wurde, hat er die schlechten Gefühle weggetragen.
Wir nennen das
heute Mobbing. Die Luft ist wieder klarer, man kann atmen. Zudem sind
alle
überzeugt, dass der Gemobbte tatsächlich der
Schuldige gewesen sein muss, denn
die Gefühle haben sich zum Positiven verändert. Wenn
die Gefühle besser sind,
wird das als nachträglicher Beweis erlebt, dass die
Ausstoßung rechtmäßig
erfolgte.
Zum Mobbingopfer wird
meist derjenige, der sich am wenigsten
wehren konnte. Oder es wird, Trotzki ist dafür ein klassisches
Beispiel,
derjenige zum Opfer, der der Rivale des Stärkeren war. Bei
Trotzki kann man den
Mechanismus, der meist verdeckt ist, besonders deutlich beobachten: Es
genügte
nicht, dass er in Mexiko im Exil lebte, er musste nicht nur entmachtet,
sondern
physisch umgebracht werden. Manche Morde sind so zu verstehen, vor
allem in
Gruppen, die von sich sagen “Wir haben ein Gesetzt und nach
diesem Gesetz muss
er sterben.“ Ein solches Delikt ist bei Rockergruppen z.B.,
sich an der „Braut“
des anderen zu vergreifen.
In den meisten Bevölkerungskreisen wird das Mobbingopfer
nicht physisch umgebracht, es genügt die Absetzung, die
allerdings eine Art „soziale
Enthauptung“ darstellt.
Das Böse muss
herausgeschafft
werden
Eine Gesellschaft ist darauf angewiesen, dass das Böse nicht
als verborgener Giftherd weiter wirkt. Die Mittel, die zur
Verfügung stehen,
sind begrenzt. Ein einfacher Weg, die zersetzende Kraft der
bösen Taten nach
außen zu lenken, ist ein Krieg. Dieser eröffnet die
Möglichkeit, die unguten
Gefühle auf einen äußeren Feind zu lenken.
Der Falklandkrieg ist ein
klassisches Beispiel im Miniaturformat. Beide Kriegsparteien mussten
mit inneren
Schwierigkeiten fertig werden. Der 1. Weltkrieg wurde zwar durch das
Attentat
von Sarajewo ausgelöst worden, die Voraussetzung, dass der
Funke einen Brand
auslösen konnte, war eine Phase politischer Stagnation und
wachsenden
Misstrauens, für deren Bewältigung alle Staaten
große Rüstungsanstrengungen
unternahmen.
Die jüdische
Religion hatte für die Entlastung von dem Bösen
einen jährlichen Ritus, von dem sich der Begriff
„Sündenbock“ herleitet:
„Aaron soll
seine beiden Hände auf den Kopf des lebenden Bockes legen und
über ihm alle
Sünden der Israeliten, alle ihre Frevel und alle ihre Fehler
bekennen. Nachdem
er sie so auf den Kopf des Bockes geladen hat, soll er ihn durch einen
bereitstehenden Mann in die Wüste treiben lassen und
der Bock soll alle ihre Sünden mit sich in die Einöde
tragen.“
Levitikus, 16,
21-22
Setzen wir bei den
frühen
menschlichen Gesellschaftsformen an, dann wird deutlich, dass es einen
Entsühnungsritus
geben muss. Denn man konnte Verbrecher nicht in Gefängnissen
absondern. Einige
Möglichkeiten, sich zu festgelegten Zeiten des Bösen
zu entledigen, seien kurz
beschrieben.
- Girard
hat durch eine Analyse der kultischen Opfer gezeigt, dass das
ursprünglich reale Opfer rituell wiederholt wird, damit es so
seine Wirkung behält, ohne dass neu ein Mobbingopfer gefunden
werden muss. Aber es gab auch regelmäßig
wiederkehrende Menschenopfer.
- Die
Azteken haben Kriegsgefangene geopfert. Ein anderer Ausweg sind
Tieropfer. Das sind die gängigsten Formen. Es gibt aber auch
andere.
- In
einer afrikanischen Kultur wird der König einmal im Jahr mit
den schlimmsten Verbrechen beschuldigt, so, seinen Vater umgebracht und
seine Mutter geschwängert zu haben. Der König muss
nicht sterben, sondern wird einem Spießrutenlauf ausgesetzt.
Die Anschuldigungen mit den schlimmsten Verbrechen sollen beweisen,
dass er sich schuldig gemacht hat und daher umgebracht werden muss.
Wenn der König angespuckt, mit Ruten geschlagen und mit
Anschuldigungen überhäuft worden ist, hat er die
Schuld aller weggetragen. Wir haben ähnliche Riten im
Karneval. Seine Ursprünge liegen in der Konzeption der zwei
Reiche, die Augustinus in seinem Gottesstaat beschreibt, das Reich des
Bösen und das des Guten. Der Karneval stellt das Reich des
Bösen dar, die Masken sind die Laster, der Narr der Dummkopf,
der Gott nicht in den Werken der Schöpfung erkennt. Wenn im
Mainzer Karneval die Politiker auf Korn genommen werden, ist das mit
den rituellen Beschimpfungen afrikanischer Könige
vergleichbar. Der Umgang mit Helmut Kohl hatte auch
Ähnlichkeiten mit diesem afrikanischen Ritual.
Sind Rituale
wirksam, die jährlich oder häufiger das
„Böse“ herausschaffen, baut sich
jeweils die schlechte Stimmung ab, die durch Missgunst, üble
Nachrede,
Sich-Zurückgesetzt-Fühlen ständig neu
hervorgebracht wird.
René Girard
Der französische
Literaturwissenschaftler hat zuerst an Romanen des 19. Jahrhunderts,
vor
allem bei Dostojewski, aufgezeigt, wie stark menschliches Verhalten
durch
Nachahmung und daraus entstehenden Neid geprägt ist. An den
Opferkulten und den
über ihre Entstehung berichtenden Mythen hat er gezeigt, dass
das erste Opfer
nach dem Sündenbock-Mechanismus erfolgte.
-
Figuren
des Begehrens. Das Selbst und der Andere in der fiktionalen
Realität. LIT,
Münster 1999;
-
Das
Heilige und die Gewalt. Fischer, Frankfurt a. M. 1994, zuletzt
Düsseldorf,
Patmos 2006 (La Violence et le sacré, 1972,)
-
Das
Ende der Gewalt. Analyse des Menschheitsverhängnisses.
Erkundungen zu Mimesis
und Gewalt mit Jean-Michel Oughourlian und Guy Lefort. Herder, Freiburg
2009;
-
Ich
sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Eine kritische
Apologie des
Christentums. Hanser, München 2002,
Girard zeigt auf, dass die Evangelisten den Bericht
über den Prozess Jesu nach
dem Sündenbockmechanismus strukturieren.
Siehe auch: die Überwindung des
Bösen
Eckhard Bieger S.J.
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