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Wenn das Begehren und die
Enttäuschung, das Begehrte nicht zu erhalten,
den Boden für das Verbrechen bereiten, weil es im Kampf um
das, was der andere
hat, zur Gewaltanwendung kommt, dann muss das Begehren
zurückgedrängt werden.
Genau das finden wir in der Geschichte vom Brudermörder Kain:
„Der Herr sprach
zu Kain: Warum überläuft es dich
heiß und warum senkt sich dein Blick? Nicht
wahr, wenn du recht tust, darfst du
aufblicken; wenn du nicht recht tust, lauert an der Tür die
Sünde als Dämon. Auf
dich hat er es abgesehen, doch du werde Herr über
ihn!“
Das Rechte tun,
bewahrt vor dem Begehren. Daraus erwächst
die Rechtsordnung. Die Anerkennung dieser Ordnung ist nicht allein
darin
begründet, dass die einzelnen Vorschriften einsichtig gemacht
werden. Das ist
zwar notwendig und würde auch korrekte Menschen bereits
überzeugen, es schützt
aber die Gesellschaft zu wenig vor Gewalt. Die Zähmung des
Begehrens muss
tiefer verankert werden. Die Menschen müssen verstehen, dass
ohne Rechtsordnung
die Existenz der Gemeinschaft bedroht ist. Wir stoßen hier in
eine tiefere Schicht
vor. Kain geht es um seinen Platz in der Welt, ob dieser durch eine
himmlische
Macht, wir sagen heute meist Glück dazu, oder durch die
Familie, die Gruppe
gewährleistet wird. Ihm scheint der Boden unter den
Füßen zu schwanken. In
solchen Situationen nicht gewalttätig zu werden, sondern der
Ordnung zu
vertrauen, das entscheidet über den Fortbestand der
Gemeinschaft. Aus diesem
Grund brauchen Mafiaclans eine strikte Ordnung, gerade weil sie sich
nicht aus
den Prinzipien der Verfassung ableiten und daher nicht durch das
Rechtssystem
der übrigen Gesellschaft geschützt werden.
Dass es um die Bändigung des
Begehrens geht, kann man
übrigens bei allen spirituellen Schulen nachlesen. Der
Buddhismus hat für den
Weg zur Vollkommenheit, d.h. zum Ablegen jedes Begehrens, 8 Stufen. Es
gibt die
Entwicklungslehre der ägyptischen Mönche, die dann
wesentlich die
abendländische Kultur mit geformt hat, bis hin zu der
Entwicklung der
Moralität, für die Kohlberg 6 Stufen gefunden hat. In
der jüdischen Gebotstafel
heißt es zum Abschluss der 10 Gebote:
„Du sollst nicht nach dem
Haus deines Nächsten
verlangen. Du sollst nicht nach der Frau
deines Nächsten verlangen, nach seinem Sklaven oder seiner
Sklavin, seinem
Rind
oder seinem Esel oder nach irgendetwas, das deinem Nächsten
gehört.“
Exodus
20,17
Versöhnung
Wenn das Begehren und die Enttäuschung, das Begehrte nicht
zu erhalten, den Boden für das Verbrechen bereiten, weil es im
Kampf um das,
was der andere hat, zur Gewaltanwendung kommt, dann muss das Begehren
zurückgedrängt werden. Genau das finden wir in der
Geschichte vom Brudermörder
Kain:
„Der
Herr sprach zu Kain: Warum überläuft es dich
heiß und warum senkt sich dein Blick? Nicht
wahr, wenn du recht tust, darfst du
aufblicken; wenn du nicht recht tust, lauert
an der Tür die Sünde
als Dämon. Auf
dich hat er es abgesehen, doch du werde Herr über
ihn!“
Das
Rechte tun, bewahrt vor dem Begehren. Daraus erwächst
die Rechtsordnung. Die Anerkennung dieser Ordnung ist nicht allein
darin
begründet, dass die einzelnen Vorschriften einsichtig gemacht
werden. Das ist
zwar notwendig und würde für einen korrekten Menschen
wie Immanuel Kant
vielleicht reichen, es schützt aber die Gesellschaft zu wenig
vor Gewalt. Die
Zähmung des Begehrens muss tiefer verankert werden,
nämlich dass die Menschen
verstehen, dass ohne Rechtsordnung die Existenz der Gemeinschaft
bedroht ist. Wir
stoßen hier in eine tiefere Schicht vor. Kain geht es um
seinen Platz in der
Welt, ob dieser durch eine himmlische Macht, wir sagen heute meist
Glück dazu,
oder durch die Familie, die Gruppe gewährleistet wird. Ihm
scheint der Boden
unter den Füßen zu schwanken. In solchen Situationen
nicht gewalttätig zu
werden, sondern der Ordnung zu vertrauen, das entscheidet über
den Fortbestand
der Gemeinschaft. Aus diesem Grund brauchen Mafiaclans eine strikte
Ordnung,
gerade weil diese sich nicht aus den Prinzipien der Verfassung ableiten
und
daher nicht durch das Rechtssystem der übrigen Gesellschaft
geschützt werden.
Dass es um die Bändigung des
Begehrens geht, kann man
übrigens bei allen spirituellen Schulen nachlesen. Der
Buddhismus hat für den
Weg zur Vollkommenheit, d.h. zum Ablegen jedes Begehrens, 8 Stufen. Es
gibt die
Entwicklungslehre der ägyptischen Mönche, die dann
wesentlich die
abendländische Kultur mit geformt hat, bis hin zu der
Entwicklung der
Moralität, für die Kohlberg 6 Stufen gefunden hat. In
der jüdischen Gebotstafel
heißt es zum Abschluss der 10 Gebote:
„Du sollst nicht nach dem
Haus deines Nächsten verlangen. Du sollst
nicht nach der Frau
deines Nächsten verlangen, nach seinem Sklaven oder seiner
Sklavin, seinem
Rind
oder seinem Esel oder nach irgendetwas, das deinem Nächsten
gehört.“
Exodus
20,17
Versöhnung
und
Integration
Das Böse, wenn es sich in Mobbing und Gewalt verdichtet,
bedroht die Gesellschaft, es muss herausgeschafft werden. Wenn es sich
auf
einen Träger, einen Sündenbock verdichtet, kann die
Sippe, die Schulklasse, die
Abteilung, das Unternehmen und manchmal auch das Land
überleben. Aber kann man
von einer Rechtsordnung abschließend sprechen, wenn diese nur
durch immer neue
Ausstoßung der Täter aufrecht erhalten werden kann?
Wenn man sich auf den
ethischen Standard einlässt, den das Christentum
eingeführt hat, nämlich dass
es Vergebung gibt, dann kann der Krimi eigentlich nicht damit enden,
dass der
Verbrecher dem Richter vorgeführt wird. Denn es bleibt die
Frage: Wie kommt er
in die Gesellschaft zurück? Es braucht eigentlich ein
Versöhnungsritual. Das
funktioniert im Christentum dann, wenn jeder sich als Sünder
versteht,
zumindest dass auch seine Sünden durch den Tod Jesu aus der
Welt getragen
werden mussten. Im ersten Jahrtausend hatte die Kirche einen Ritus
ausgebildet.
Es gab für schwere Vergehen die Möglichkeit, sich am
Beginn der Fastenzeit in
den Büßerstand versetzen zu lassen. Am
Gründonnerstag wurde man wieder in die
Gemeinschaft aufgenommen. Die Wallfahrt nach Santiago de Compostella
konnte
einen Mord sühnen.
Wenn die Gesellschaft Rituale der
Versöhnung entwickelt oder
aus früheren Beständen reaktiviert, kann sie den
Verbrecher in die Gesellschaft
zurückholen. Denn erst dann wäre die Geschichte der
bösen Tat abgeschlossen und
das Böse im Verbrecher überwunden. Das geht aber nur,
wenn die Gesellschaft
versöhnlich ist. Weil das Böse im
Übeltäterüberwunden werden muss, besteht das
ungute Gefühl, dass das „Absitzen“ einer
Strafe das Problem nicht löst. Auch
wenn man die Todesstrafe vollstreckt, hat man das Böse nicht
wirklich
überwundne, sondern nur den Übeltäter
beseitigt. Das zeigt sich nicht zuletzt
an der geringen Abschreckungswirkung der Todesstrafe. Nur eine Kultur
der
Versöhnung, wie sie z.B. nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen
Frankreich und
Deutschland aufgebaut wurde, kann letztlich das Böse
überwinden. Gleiches gilt
für Schulklassen, unternehmen, und auch Staaten. Das
Aufflammen von
Bürgerkriegen nach dem Ende des Kalten Krieges zeigt, dass die
Unterdrückung
von Rivalität und Aggression durch die Hegemonie Russlands das
Konfliktpotential nur eingemauert, nicht überwunden hat. Eine Religion, die sich
auf die Feier des Bestehenden
zurückzieht, so wie es die christlichen Kirchen in Deutschland
praktizieren,
ist dann auch selbst unfähig, mit eigenen
Mißständen so umzugehen, dass nicht nur
Täter, wie bei sexuellem Missbrauch, ihrer Strafe
zugeführt werden, sondern
dass das übel selbst überwunden wird.
Eckhard Bieger S.J.
©
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