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Zeichenhafter,
geheimnisvoller Leib
Die Kirche lebt mit
dem Anspruch, den Auftrag von Jesus Christus zu erfüllen und sein Erlösung bewirkendes Gedenken und
seine Offenbarung weiter zu tragen. Ausgehend vom Apostel Paulus,
der im Brief an die Gemeinde in Korinth sagt, „Ihr aber seid
der Leib Christi, und jeder einzelne ist ein Glied an ihm“,
glaubt die Kirche, dass der Geist des auferstandenen Christus in
der Kirche wirkt und sie zum Leib Christi formt.
Wie aber kann die Kirche zum Leib Christi werden und wie kann diese
gestaltende Kraft in menschlicher Kommunikation vermittelt werden?
Wie kann die Beziehung, die Christus mit der Kirche hat, dargestellt
werden? Vor allem angesichts der Tatsache, dass die Kirche, trotz
ihres theologischen Anspruches, als empirisch greifbare Gemeinschaft
von Menschen erscheint, die fehlerbehaftet sind und die sich nicht
immer kohärent mit ihrem Selbstverständnis verhalten?
Schließlich kann an der Kirche von außen nicht zweifelsfrei
abgelesen werden, dass es ihr in erster Linie um die Fortführung
des Vermächtnisses Jesu geht.
In der Brotrede im Johannesevangelium (Joh 6,54) bespricht Jesus
dieses Problem: „Wer mein Fleisch ißt und mein Blut
trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm. Wer mein Fleisch
ißt und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben, und ich werde
ihn auferwecken am Letzten Tag.“
Jesus stellt die Beziehung
zu ihm in die Metapher einer Mahlgemeinschaft dar, deren Speise
er selbst ist. Er macht die Mahlgemeinschaft
im Abendmahl zum zentralen Erinnerungszeichen an seine Erlösungstat,
das sich sehr früh in der Christengemeinde als Ritus des „Brotbrechen“ etabliert.
Dazu sagt der Apostel Paulus:
Denn ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch dann überliefert
habe: Jesus, der Herr, nahm in der Nacht, in der er ausgeliefert
wurde, Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und sagte: Das
ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis!
Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sprach: Dieser Kelch
ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr daraus trinkt,
zu meinem Gedächtnis! Denn sooft ihr von diesem Brot eßt
und aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn,
bis er kommt. 1Kor 11, 23 – 26
Der Ritus des Brotbrechens
formt also aus der Vielzahl der Einzelmitglieder, aus den Christen,
die Kirche als Leib Christi. Dieser wird vollzogen
durch die Teilnahme am Ritus des Brotbrechens. Der Empfang des
Leibes Christi im rituellen Vollzug, bestehend im Brotbrechen und
im Ritus des Kelches, ist also verbunden mit seiner Bedeutung,
der in der Formung der Gemeinschaft der Kirche zum Leib Christi
besteht. Dieser Zusammenhang, diese Beziehung zwischen Zeichen
(Brotbrechen) und der darin sich bergenden Wirklichkeit (Kirche,
Verbundenheit in einem Leib mit Christus) wurde ab dem 4. Jahrhundert
als „mystisch“ bezeichnet. Es handelt sich dabei, kommunikationstheoretisch
gesprochen, um eine Symbolhandlung mit identitätsstiftender
Wirkung, die dem Glauben nach jedoch real ist, d.h. das Zeichen,
dem Sinn und der Form nach richtig vollzogen, bewirkt, was es bezeichnet,
den Leib Christi.
Dadurch
entsteht ein enger Zusammenhang zwischen der Feier der Eucharistie
und der
Identität der Kirche. Es ist die Feier
der Eucharistie, durch die Kirche Einheit bekommt, und es ist die
Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden, die sich in der Feier der
Eucharistie mit Christus vereint.
Ursprünglich bedeutet Corpus mysticum die Beziehung zwischen
dem Ritus des Brotbrechens und seiner Wirkung, der Leib Christi-Werdung
der Kirche. Diesen komplexe Zusammenhang im Blick zu behalten ohne
die Interdependenz von Kirche und Eucharistie zugunsten eines der
beiden Pole zu vereinseitigen, ist nicht immer einfach.
Manche Theologen gerieten in den Verdacht, die Beziehung zu Jesus
Christus nur symbolisch zu verstehen, so dass die seinsmäßige
(ontologische) Gegenwart des physischen Leibes in den Zeichen von
Brot und Wein nicht hinreichend klar wurde. Die Gegenwart Christi
wurde als eine Art virtuelle Gegenwart verstanden wird. (z. B.
Berengar) Deshalb entstand gegen Ende des ersten Jahrtausends das
Bedürfnis, die Gegenwart Christi in den Zeichen von Brot und
Wein, unabhängig von deren Wirkungen, eigens zu definieren.
(Realpräsenz)
Damit
wurde, so de Lubac, die Rechtgläubigkeit bewahrt, aber
der vitale Nerv durchtrennt. Dieser besteht darin, dass durch die
Teilnahme am Ritus des Brotbrechens nicht nur die Gaben Brot und
Wein, sondern die Teilnehmer verwandelt und zum Leib Christi geformt
werden, so dass beides, die Wandlung der Gaben und die Wandlung
der feiernden Gemeinde, einander gegenseitig bedingen.
Aus apologetischen Bemühungen heraus ging man zunehmend dazu über,
den biblischen Leib (der gelitten hat und auferstanden ist) und
den sakramentalen Leib (Brot und Wein) nicht mehr begrifflich zu
trennen. So sollte die reale Präsenz Christi in der Feier
der Eucharistie definitorisch garantiert werden.
Das Symbol mit seiner Mehrdeutigkeit und Dynamik wurde nicht mehr
gebraucht, ja wurde zum Gegenbegriff zur Transsubstantiation. Dadurch
ging der Begriff Coprus mysticum von dem verwandelten Brot und
Wein auf die dadurch verursachte Wirkung, die in zum Lieb Christi
gewordene Kirche, über und verselbständigte sich. Der
Zusammenhang zwischen dem rituell-symbolischen Vollzug der Eucharistiefeier
und der dadurch entstehenden Einheit der Kirche ging zunehmend
verloren. Corpus Mysticum wurde zum eher statischen Begriff, der
die ontologischen Qualitäten der Kirche, unabhängig von
der ihr inhärenten spirituellen Dynamik, bezeichnet.
Theologische Argumente
Die Beziehung zum Jesus des Glaubens ist „mystisch“,
d. h. sie realisiert sich in zeichenhaft-symbolischen Aktionen
(Riten) und in Meditation und Gebet. Diese Kommunikationen vollziehen
sich in zwei Dimensionen: Zum einen zeichenhaften und damit nicht
physisch-real. Wir begegnen Jesus nicht wie einem Gegenwartsmenschen.
Zum anderen geheimnishaft, im Gegensatz zum empirisch-faktischen.
Die Beziehung ist nicht deshalb geheimnishaft, weil jemand ein
Geheimnis hütet, sondern weil sie sich, schritt- und erfahrungsweise
erschließt. Sie ist aber ihrer Art nach so, dass sie niemals
im Sinne einer Beherrschung erschöpfend erfasst werden kann.
In der Abendmahlsszene hat Jesus selbst dem Ritus des Kelches und
des Brotbrechens eine neue, weiterführende Bedeutung mit den
Worten gegeben: „Das ist mein Leib, das ist mein Blut. Tut
dies zu meinem Gedächtnis.“
Brot und Wein werden damit konstituiert als Beziehungsmedium mit
Jesus Christus durch sein Fleisch und Blut. Sie werden zum sakramentalen
(zeichenhaften und objektiv wirksamen) Leib Jesu Christi. Durch
die Feier des Brotbrechens (Eucharistie) wird dadurch eine neue
Qualität der Beziehung geschaffen, die in der Kommunion (Verbindung)
mit Jesus Christus durch den Empfang seines Fleisches und Blutes
vollzogen wird.
Dadurch bekommt der einzelne Anteil an der Erlösungswirkung
der Selbstmitteilung Gottes. Diese objektiv-persönliche Beziehungsnahme
mit Jesus Christus, die durch die Eucharistie möglich wird,
verbindet die Teilnehmenden der Eucharistiefeier.
- mit dem Leib Christi, der am Kreuz gemartert und der durch die
Auferstehung in einen himmlischen Leib verwandelt wurde,
- mit dem sakramentalen Leib (Brot und Wein)
- und macht sie dadurch zu dem „Leib Christi“, Corpus
Mysticum, verstanden als Kirche.
Hier bekommt „Corpus Mysticum“ eine
korporativ-soziologische Bedeutung und meint die Kirche, sowohl
in ihren verfassten Strukturen
als auch in ihrer Bedeutung als Zeichen der Gegenwart des Geistes
Gottes in der Welt. Corpus
Mysticum hat sich in der nachmittelalterlichen Theologie als exklusive
Begriff
für die Bezeichnung der Kirche entwickelt,
während die sakramentale Gegenwart Jesu Christi in Brot und
Wein mit „corpus reale“ bezeichnet wurde. Diese Entwicklung
wurde durch die Enzyklika „Mystici Corporis“ von Pius
XII. vom Lehramt übernommen.
Diese „Ratio mystica“, die Verbindung des geschichtlichen
Leibes Christi mit dem sakramentalen unter den Zeichen von Brot
und Wein und dem kirchlichen, beschreibt eine Relation von Zeichen
und der im Zeichen sich verbergenden Sache. Mysterium besagt die
Beziehung des sinnlichen Zeichens zu bezeichneten Sache, eine für
den Außenstehenden verborgene Beziehung (deshalb Mysterium),
die aber den Glaubenden fortschreitend geoffenbart wird.
Theologische Lösung
Corpus Mysticum als ursprünglicher Begriff zur Bezeichnung
der mehrfachen Bedeutungen der Eucharistie ist ein generischer
Begriff im Gegensatz zu den spezifischen Begriffen für die
Eucharistie in Brot und Wein, wie beispielsweise „wahrer
Leib“ oder eucharistisches Opfer oder eucharistisches Sakrament.
Letzteren ist ein statisches Moment zu eigen.
Der wahre Leib wird angebetet, Corpus Mysticum wird in einem kommunikativen
Geschehen realisiert.
Corpus Mysticum meint ursprünglich den dynamischen Zusammenhang,
in dem durch die rituelle Feier der Eucharistie mit den mystischen
Zeichen von Brot und Wein Christus re-präsentiert, vergegenwärtigt
wird auf mystische Weise.
Der Begriff selbst stellt dabei ursprünglich die ontologische
Dimension der Gegenwart Christi im Zeichen keineswegs in Frage,
sondern verdeutlicht sie.
Zitate
Ich Berengar, glaube von Herzen und bekenne mit dem Mund, dass
das Brot und der Wein, die auf dem Altar liegen, durch das Geheimnis
des heiligen Gebets und durch die Worte unseres Erlösers wesentlich
gewandelt werden in das wahre, eigentliche, lebenspendende Fleisch
und Blut unseres Herrn Jesus Christus; und nach der Weihe sind
sie der wahre Leib Christi, der aus der Jungfrau geboren wurde,
der, geopfert für das Heil der Welt, am Kreuze hin und der
zu Rechten des Vaters sitzt, und das wahre Blut Christi, das aus
seiner Seite floß nicht nur im Zeichen und in der Wirksamkeit
des Sakramentes, sondern in seiner eigentlichen Natur und in seiner
wahren Wesenheit...Römische Partikularsynode 1079, Berengars
Glaubensbekenntnis
Diese Interpretation
der Realpräsenz trug wesentlich dazu
bei, dass der Sinnzusammenhang zwischen der Christusvereinigung
in der Eucharistie und der Vitalität und Einheit der Kirche
verloren ging. Einheit und Vitalität der Kirche werden zukünftig
weniger von der Feier der Eucharistie als von der Stiftung durch
Christus her begründet.
Um
aber den Sinnknäuel, den das einfache Wort corpus mysticum
in sich birgt, und verworrener ist, als auf den ersten Blick zu
vermuten wäre, zu entwirren, sind noch zwei wichtige Eigentümlichkeiten
zu beachten. Zunächst bedeuten mysterium seiner ursprünglichen
Verwendung nach mehr eine Handlung als eine Sache; hierin liegt
ein neuer Gesichtspunkt es von „sacramentum“ zu unterscheiden.
Dieses aktive Moment ist schon in der Verwendung Pauli spürbar...
So sprechen wir heute von der Feier der heiligen Mysterien, und
im Gegensatz dazu von der Anbetung des allerheiligsten Sakraments.
Das Vollbringen des Mysteriums bringt das Sakramentum hervor.
Sodann aber ist das Mysterium nicht allein in seinem Gehalt, der
bezeichnet wird, wesentlich aktiv. Es ist das noch radikaler, wenn
auch weniger greifbar, in seiner Form... Die ursprüngliche
Wortbedeutung behält zwar etwas Verworrenes und Fließendes.
Sie ist synthetisch und dynamisch. Sie bezieht sich nicht so sehr
auf das erscheinende Zeichen oder … auf die sich darin bergende
Wirklichkeit, als vielmehr auf beides zugleich: auf ihre Beziehung,
ihr Einsein, ihr gegenseitiges sich bedingen, auf den Übergang
vom einen zum anderen. ... Sie zeigt den Aufruf, der vom Zeichen
her an das Bezeichnete ergeht, oder besser: auf die dunkle, aber
schon im geheimen wirksame Gegenwart des Bezeichneten im Zeichen.
Im eigentlichen Sinn „mystisch“ ist somit das verborgene
und bewegende Band der allusio, der significatio. (de Lubac, Corpus
mysticum, 65 ff)
Ihr inneres Band einbüßend
hätte die Kirche ihr
Wesen verloren. Sie wäre nicht mehr ein wahres, reales Ganzes,
ein lebendiger Leib mitsamt seinen Organen, ein sprechendes Abbild
des Erlösers, ebenso wahrhaft eins, wenn auch auf andere Art,
wie sein individueller Leib... Sie erschiene mehr oder weniger
als eine bloße moralische Körperschaft oder gar als
eine einfache politische Korporation, wo die Mitglieder mit ihrem
Führer in bloß äußerlicher Verbindung stehen.
de Lubac, Die Kirche, S. 114
Das zweite Vatikanische
Konzil versucht diesen Zusammenhang wieder herzustellen. Dies
geschieht aber eher synthetisch, nicht in der
von De Lubac erhellten kommunikationspraktischen Funktionalität:
„ Die Kirche, das heißt das im Mysterium schon gegenwärtige
Reich Christi, wächst durch die Kraft Gottes sichtbar in der
Welt. Dieser Anfang und diese Wachstum werden zeichenhaft angedeutet
durch Blut und Wasser, die der geöffneten Seite des gekreuzigten
Christus entströmen und vorherverkündet durch die Worte
des Herrn über seinem Tod am Kreuz.... Sooft das Kreuzesopfer,
in dem Christus, unser Osterlamm, dahingegeben wurde, auf dem Altar
gefeiert wird, vollzieht sich das Werk unserer Erlösung. Zugleich
wird durch das Sakrament des eucharistischen Brotes die Einheit
der Gläubigen, die einen Leib in Christus bilden, dargestellt
und verwirklicht."
Lumen Gentium
Theo Hipp
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