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Sicherheit darüber,
ob Gott wirklich existiert
Wer behauptet, die Zugspitze
existiere nicht, wird nicht ernst genommen. Wer behauptet, der
Mensch sei gar nicht frei – wie
das Hirnforscher behaupten, kann mit einer Diskussion rechnen.
Wer sagt, Gott existiere nicht, dem wird erst einmal Recht gegeben.
Denn anderes als für die Existenz der Zugspitze, des Vogelgrippe-Virus,
eines Milliarden Lichtjahren entfernten Sonnensystems gibt es kein
vergleichbares Beweisverfahren, daß Gott existiert. Das kann
es auch nicht geben. Da Gott kein Teil der Welt ist, kann man ihn
keinem Experiment unterwerfen. Die Menschen wollen aber Sicherheit,
denn es wäre für einen gläubigen Menschen nicht
hinnehmbar, wenn die Existenz Gottes im Vagen bliebe. In der Philosophiegeschichte
hat es viele Versuche gegeben, dem Menschen durch gedankliches
Schlußfolgern Sicherheit über die Existenz Gottes zu
geben. Für die Religionen war das über Jahrhunderte kein
Problem, denn sie konnten bei den Menschen mit der selbstverständlichen Überzeugung
rechnen, daß Gott existiert. So haben die Religionen eigentlich
nicht die Existenz Gottes zum Thema, sondern ihr Thema ist das
Verhältnis Gottes zu den Menschen und der Menschen zu Gott.
Denn wenn es Gott gibt, ist ja noch nicht entschieden, ob er dem
Menschen wohlwollend gegenüber tritt und was mit der Schuld
geschieht, die der einzelne auf sich geladen hat. So wie die Schuld
die Menschen voneinander trennt, könnte sie auch von Gott
trennen. Dazu kann die Philosophie wenig sagen, denn sie bezieht
sich vor allem auf die Verstandeskräfte des Menschen. Diese
sind schon auf der Ebene des Menschlichen begrenzt, denn der einzelne
kann bei anderen Menschen nicht durch Nachdenken darauf schließen,
ob er vom anderen geachtet oder sogar geliebt wird. Das muß der
andere sagen oder durch Gesten zum Ausdruck bringen. Deshalb braucht
es die Religion, damit der Mensch sich gegenüber Gott verhalten
kann. Doch wie kann man die Existenz Gottes mit hoher Sicherheit
aussagen?
Gott ist kein
Teil der Welt und kann daher nur schlußfolgernd
erkannt werden
Die Naturwissenschaften und der von ihr geprägte westliche
Mensch gehen davon aus, daß die Gegenstände, die die
Naturwissenschaften durch Mikroskop, Elektronenbeschleuniger oder
andere Geräte erkennen, absolut sicher erkannt sind. Es gibt
keinen Grund, an den Erkenntnissen zu zweifeln, jedoch muß man
auch sehen, daß die Naturwissenschaften keine unmittelbare
Erkenntnis haben. Wenn es um die Gravitationstheorie von Newton
oder die Relativitätstheorie von Einstein geht, es sind immer
mehrere Experimente und Beobachtungen notwendig, um die Theorie
zu bestätigen. Auch im Alltag erkennen wir nur, indem wir
verschiedene Sinneseindrücke kombinieren und mit unserer Erinnerung
abgleichen. Das führt dazu, daß der Kranke, der sein
Erinnerungsvermögen verloren hat, manchmal nicht mehr das
Licht im Zimmer einschalten kann, weil er den Schalter nicht findet.
(s. Glaube und Wissen) Es zeigt sich, daß Wissen in mehreren
Schritten entsteht. Das ist in Bezug auf Gott nicht anders, allerdings
helfen die Schritte, die die Naturwissenschaften anwenden, für
die Erkenntnis Gottes nichts. Denn wenn Gott nicht wie ein Atom,
ein anderer Stern oder ein Mensch erkannt werden kann, muß es
einen anderen Erkenntnisweg geben. Die Religionen und viele Philosophen
gehen davon aus, daß Gott aus seinen Werken mit Sicherheit
erkannt werden kann. Gottes Werke sind der Kosmos und die Natur.
Zu der Natur gehört auch der menschliche Geist mit seiner
Fähigkeit, die Wahrheit zu erkennen. Im Gewissen meldet sich
eine Stimme, die den Menschen ohne Wenn und Aber zu sittlichen
Handlungen verpflichtet.
Der Blick auf die Natur und die Besinnung auf geistige Phänomene
sind die Ansatzpunkte für die Philosophie, die Existenz Gottes
nicht nur als wahrscheinlich, sondern als sicher aufzuzeigen.
Die Methode der Philosophie muß jedoch eine andere sein als
die der Naturwissenschaften, denn die genaue Beobachtung der Natur
hat zu keiner Antwort auf die Frage nach der Existenz Gottes geführt.
Mit jedem Schritt, den die Forscher tiefer in den Atomkern vordrangen
oder die Bausteine der Zelle entschlüsselten, stießen
sie immer nur auf physikalische Meßgrößen und
chemische Prozesse. Gott hat sich dem naturwissenschaftlich Forschenden
nicht gezeigt, auch wenn einzelne Naturwissenschaftler durch ihr
Forschen zu gläubigen Menschen geworden sind. Als die Naturwissenschaften
ihren Siegeszug begannen, war es allerdings selbstverständlich,
daß ein Forscher Atheist sein mußte. Denn er stand
sonst in Verdacht, ungeklärte Fragen der Forschung durch Gottes
Handeln zu erklären, anstatt intensiver weiter zu forschen,
um eine Antwort innerhalb der Physik, der Chemie oder Biologie
zu finden. Heute ist der Druck nicht mehr so groß, als Naturwissenschaftler
die Frage nach der Existenz Gottes mit einem strikten Nein zu beantworten,
denn die Naturwissenschaften sehen deutlicher die Grenzen ihrer
Methoden, die eben nur naturwissenschaftliche Fragen beantworten
und keine philosophischen oder theologischen.
Muß etwas
Gedachtes wirklich sein?
Vielen Menschen scheinen die Antworten der Naturwissenschaften
tragfähiger als die der Philosophie. Wenn einmal etwas durch
Experiment und mathematische Berechnung erwiesen ist, dann muß man
nicht mehr zweifeln. Dagegen sind die philosophischen formulierten
Argumente nur „gedacht“. Es könnte daher sein,
daß bei aller Schlüssigkeit der philosophischen Argumentation
eben alles nur gedacht und nicht wirklich existent ist. Wenn
der Aufweis der Existenz Gottes aus seinen Werken über diese
Werke hinausführen soll, dann kann das naturwissenschaftliche
Vorgehen nicht zum Ziel führen, denn die Naturwissenschaften
liefern nur Aussagen über etwas innerhalb der Welt. So ergeben
sich logische Schritte aus folgender Überlegung:
Wenn Gott ein Teil der Welt wäre, wäre er nicht wirklich
Gott, sondern nur wie einer der germanischen oder griechischen
Götter. Wenn er also nicht Teil der Welt sein kann, dann muß das
zumindest an der Welt erkennbar sein. Das ist dann der Fall, wenn
sich die Welt nicht aus sich selbst erklärt, also eine Ursache
außerhalb ihrer selbst haben muß. Das versucht der
sog. kosmologische Gottesbeweis, der die Ursachenkette zurückgeht,
um zu einer ersten Ursache zu kommen.
Es gibt darüber hinaus im menschlichen Geist Phänomene,
die unmittelbarer über die Welt hinausweisen. Der Mensch erfährt
z.B. im Gewissen etwas, das ihn anders anspricht als die Natur.
Er soll z.B. ohne „Wenn und Aber“ dem anderen nichts
wegnehmen. Die von den Naturwissenschaften beschreibbare Welt stellt
diese Forderung nicht, was sich allein daran zeigt, daß trotz
des sittlichen Anspruchs, den das Gewissen stellt, täglich
gestohlen wird. Aus diesem Phänomen wird der Gottesbeweis
aus dem Gewissen entwickelt. Aus dem unbedingten Anspruch, den
die Freiheit an den einzelnen stellt, nämlich sein Leben in
die Hand zu nehmen, kann ebenfalls ein Gottesbeweis abgeleitet
werden.
Ausgehend von den Erfahrungen mit dem menschlichen Geist kann weiter
gezeigt werden, daß der Mensch über die Welt hinausdenken
kann, denn er kann sich vorstellen, daß es neben dieser Welt
noch viele andere Welten gibt und sogar ein geistiges Wesen, das
diese Welten geschaffen hat. Das deutet darauf hin, daß es
im Menschen bereits etwas gibt, mit dem er über den Kosmos,
in dem wir uns befinden, hinaus gelangen kann. Hier setzten die
Gottesbeweise aus der Wahrheit und dem höchsten Guten an.
Im ontologischen Gottesbeweis vertraut der Mensch auf sein Denken,
indem er ein so vollkommenes Wesen denkt, das nur dann vollkommen
sein kann, wenn es nicht nur ganz gut, allmächtig, fähig
zur Schaffung einer Welt gedacht werden kann, sondern auch wirklich
existiert. Denn wenn ein solches Wesen tatsächlich existiert,
ist es vollkommener, als wenn es nur gedacht ist.
Diese Überlegungen zeigen bereits. Der Mensch ist fähig,
nicht nur naturwissenschaftliche Fragen zu bearbeiten. Er philosophiert
bereits, wenn er naturwissenschaftlichen Fragen nachgeht. Denn
das Erkennen der Natur setzt Erkenntnisfähigkeit, also etwas
Geistiges voraus, was nicht einfach in den chemischen und physikalischen
Vorgegebenheiten enthalten ist. Wenn die Naturwissenschaften etwas
als Materie untersuchen, dann haben sie bereits festgestellt, daß das
Materielle sich vom Geistigen unterscheidet. Denn wer von Materie
spricht, sagt das von einem Standpunkt außerhalb der Materie.
Nur wenn es noch etwas anderes gibt als Materie, kann man Materie
denken, sonst wäre man wie ein Atom oder ein Stern eben nur
Materie und käme nicht darauf, die Gesetzmäßigkeiten
der Materie zu untersuchen.
Empirisches an den Gottesbeweisen
Zur der Frage, ob die Philosophie Gott zwar denken kann, aber
daraus nicht auf die Existenz Gottes geschlossen werden kann,
zeigt ein erster Überblick über die Gottesbeweise,
daß es sie bei etwas Empirischem ansetzen. Denn die Gottesbeweise,
die von den geistigen Fähigkeiten des Menschen ausgehen,
sind nicht ohne Empirie. Wenn Philosophen sagen, im Gewissen
melde sich eine Stimme, die nicht aus der Natur komme, dann ist
diese Stimme nicht erfunden. Der Mensch wird auf sie aufmerksam.
Er denkt sich die Stimme nicht aus und hört sie dann, sondern
er hört sie zuerst, versucht ihr auszuweichen, bis er sie
ernst nimmt. Auf das Gewissen stößt der einzelne nicht
allein, sondern andere Menschen aus. Ebenso sind geistige Erfahrungen
nicht einem einzelnen Menschen vorbehalten. Denn was die Philosophen
bedenken, ist jedem Menschen zugänglich. Wir brauchen nur
die Hilfe der Philosophie dafür, diese geistigen Erfahrungen
besser zu verstehen. Aber beweisen die Gottesbeweise die Existenz
Gottes wirklich.
Was leisten die Gottesbeweise?
Wer einen Gottesbeweis entwickelt, ist von seiner Schlüssigkeit überzeugt.
Viele lassen sich von dem Beweis überzeugen, andere aber nicht.
Offensichtlich „funktionieren“ die Gottesbeweise nicht
wie die Verfahren der naturwissenschaftlichen Erkenntnis. Deshalb
sind sie im heutigen Sinne keine Beweise. Das hat bereits der mittelalterliche
Theologe Thomas v. Aquin erkannt. Er nennt die Gottesbeweise „Wege“ zu
Gott. Das ist erklärbar, denn Gott kann nicht einem Experiment
unterworfen werden. Im Blick auf die Religion sind die Gottesbeweise
auch deshalb unzureichend, weil die Religion den Menschen nicht
nur auf der Ebne des Verstandes einfordert. Gebet, Gottesdienst,
die Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld, die Hoffnung auf
Erlösung erfassen mehr vom Menschen als seinen Verstand. Das
Herz muß schlagen und die ganze Seele, nicht nur die Verstandeskräfte,
müssen angesprochen werden, wenn es um eine religiöse
Beziehung zu Gott geht. Es ist wohl so, daß der Mensch durch
Erfahrungen auf den Weg zu Gott kommt. Er stößt dann
auch auf die Fragen, um die sich die Gottesbeweise mühen.
Das ist auch deshalb sinnvoll, weil ein Glaubenszeugnis immer auf
Skepsis und Widerspruch stößt. Diejenigen, die den Glauben
des anderen nicht akzeptieren, argumentieren meist auf der Ebene
des Verstandes. Es geht dann um die Argumente, die in den Gottesbeweisen
durchdacht werden. Neben diesen Argumenten gibt es den gewichtigen
Einwand, der mit dem Übel in der Welt argumentiert s. Theodizee – die
Rechtfertigung Gottes angesichts der Übel in der Welt.
Zitate
„
Der Zorn Gottes wird vom Himmel herab offenbar wider alle Gottlosigkeit
und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit
niederhalten. Denn was man von Gott erkennen kann, ist ihnen offenbar.
Seit Erschaffung der Welt wird seine unsichtbare Wirklichkeit an
den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen.“ Paulus
im 1. Kap. seines Römerbriefes (Verse 18-20)
„Wir finden nämlich unter den Dingen solche, welche
die Möglichkeit haben, zu sein und nicht zu sei, da sich einiges
findet, das entsteht und vergeht und infolgedessen die Möglichkeit
hat, zu sein und auch nicht zu sein. Es ist aber unmöglich,
daß alles von dieser Art sei, weil das, was möglicherweise
nicht ist, auch einmal nicht ist (bzw. nicht war). Wenn also alles
die Möglichkeit hat, nicht zu sein, dann war hinsichtlich
der Dinge auch einmal nichts. Wenn dies aber wahr ist, dann wäre
auch jetzt nichts, weil das, was nicht ist, nur anfängt zu
sein durch das, was ist. Wenn also (früher einmal) nichts
Seiendes war, dann war es unmöglich, daß etwas zu sein
anfing, und so wäre jetzt nichts: was offenbar nicht stimmt.
Thomas v. Aquin, Summa theologica I, quaestio 2, a 3
„Ist es nur griechisch zu glauben, daß vernunftwidrig
zu handeln dem Wesen Gottes zuwider ist, oder gilt das immer und
in sich selbst? ….. Den ersten Vers der Genesis abwandelnd,
hat Johannes den Prolog seines Evangeliums mit dem Wort eröffnet:
Im Anfang war der Logos. Dies ist genau das Wort, das der Kaiser
gebraucht: Gott handelt mit Logos. Logos ist Vernunft und Wort
zugleich – eine Vernunft, die schöpferisch ist und sich
mitteilen kann, aber eben als Vernunft. Johannes hat uns damit
das abschließende Wort des biblischen Gottesbegriffs geschenkt,
in dem alle die oft mühsamen und verschlungenen Wege des biblischen
Glaubens an ihr Ziel kommen und ihre Synthese finden. Im Anfang
war der Logos, und der Logos ist Gott, so sagt uns der Evangelist.
Das Zusammentreffen der biblischen Botschaft und des griechischen
Denkens war kein Zufall. ….. dieses Zugehen (war) längst
im Gang. Schon der geheimnisvolle Gottesname vom brennenden Dornbusch,
der diesen Gott aus den Göttern mit den vielen Namen herausnimmt
und von ihm einfach das Sein aussagt, ist eine Bestreitung des
Mythos, zu der der sokratische Versuch, den Mythos zu überwinden
und zu übersteigen, in einer inneren Analogie steht. Der am
Dornbusch begonnene Prozeß kommt im Innern des Alten Testaments
zu einer neuen Reife während des Exils, wo nun der landlos
und kultlos gewordene Gott Israels sich als den Gott des Himmels
und der Erde verkündet und sich mit einer einfachen, das Dornbusch-Wort
weiterführenden Formel vorstellt: „Ich bin’s.“ Mit
diesem neuen Erkennen Gottes geht eine Art von Aufklärung
Hand in Hand, die sich im Spott über die Götter drastisch
ausdrückt, die nur Machwerke der Menschen sind (vgl. Ps 115).
So geht der biblische Glaube in der hellenistischen Epoche bei
aller Schärfe des Gegensatzes zu den hellenistischen Herrschern,
die die Angleichung an die griechische Lebensweise und ihren Götterkult
erzwingen wollten, dem Besten des griechischen Denkens von innen
her entgegen zu einer gegenseitigen Berührung, wie sie sich
dann besonders in der späten Weisheits-Literatur vollzogen
hat. … Nicht „mit dem Logos“ handeln, ist dem
Wesen Gottes zuwider….
In diesen großen Logos, in diese Weite der Vernunft laden
wir beim Dialog der Kulturen unsere Gesprächspartner ein.
Sie selber immer wieder zu finden, ist die große Aufgabe
der Universität.“
Benedikt XVI in einer Rede in der Universität Regensburg am
12.9.06
Eckhard Bieger
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