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Unio
hypostatica, Einigung nach der Substanz
Als die christlichen
Prediger in die griechisch denkende Welt wanderten, predigten
sie zuerst in den jüdischen Synagogen.
Sie waren ja Juden und genossen dort Gastrecht. Wie eine christliche
Gemeinde heute freute sich auch die jüdische Gemeinde, von
einem fremden Prediger etwas Neues zu hören. Diese verkündeten,
daß der Messias gekommen sei. Obwohl er von der jüdischen
Obrigkeit abgelehnt worden und den Römern zur Hinrichtung übergeben
worden sei, habe Gott sich zu ihm bekannt. Er sei auferweckt und
in den Himmel zur Rechten Gottes erhoben. Am Ende der Zeit werde
er als Weltenrichter wiederkommen. Das war mehr als die Auslegung
der Bücher des Moses und der Propheten. In der Apostelgeschichte
ist beschrieben, wie sich ein Teil der Juden den christlichen Predigern
anschlossen, die meisten aber den Neuen Weg ablehnten. Über
diese Predigtmethode erreichten die christlichen Boten auch Nicht-Juden,
die sich dem jüdischen Glauben angeschlossen hatten wie auch
solche griechisch sprechenden Bewohner des römischen Reiches,
die noch keinen Zugang zum einen Gott gefunden hatten.
Die christliche
Botschaft in der griechischen Welt
Die sich
für die Botschaft von dem einen Gott ansprechen ließen,
hatten sich meist von der Vielgötterei abgewandt und glaubten,
im Gefolge der griechischen Philosophie, daß es nur einen
Gott geben kann. Platon, der zwischen 427 und 347 v. Chr. lebte,
war auf gedanklichem Weg zu der Erkenntnis gekommen, daß die
griechischen Mythen wenig über das Wesen Gottes aussagen,
daß vor allem nicht mehrere Gottheiten nebeneinander existieren
konnten. Gott konnte nur einer sein. Das Göttliche muß aber
auch verschieden von dem Nicht-Göttlichen gedacht werden,
sonst wäre die Gottheit ein Teil der Welt. Die Christen brachten
vom jüdischen Denken diesen Schöpfungsglauben mit, daß nämlich
die Materie einen Anfang hat und alles, was der Mensch beobachten
kann, die Sterne, das Meer, Pflanzen und Tiere und sogar er selbst
von Gott geschaffen worden sind. Für das griechische Denken
hatte Aristoteles die Vorstellung entwickelt, daß alle Bewegung
von Gott ausgehe und den Begriff vom „unbewegten Beweger“ geprägt.
Es zeigt sich also im Denken schon, daß es nicht das Göttliche
als ein unbeschreibbares Etwas gibt, sondern daß dieses Göttliche
in einem Subjekt existiert. Das ist nicht so selbstverständlich,
Gott als ein Subjekt zu denken, der handelt, einen Willen hat,
sich in Beziehung zu seiner Schöpfung setzt, den Menschen
persönlich anspricht. Viele Menschen auch damals sehen im
Göttlichen eine Macht, eine Kraft, aber nicht unbedingt ein
persönliches Gegenüber des Menschen, wie die Juden den
sich offenbarenden Gott erfahren hatten.
Der Begriff Hypostasis
Mit dem griechischen Wort „Hypostasis“,
wird das bezeichnet, was darunter liegt, was das Ganze trägt.
Wenn Jesus wirklich Gott ist, dann ist Gott dem Menschen nicht
als bloß unfaßbares Wesen entgegen getreten, sondern
mit einem Gesicht. Das Wort Person leitet sich im Griechischen
von Antlitz, „Prosopon“ ab. Aber war dieser Mensch,
den die Christen als Messias verkündeten, wirklich Gott? Dann
würde es ja wieder mehr als einen Gott geben.
Ewiger Sohn Gottes und
wahrer Mensch
D
er strikte Monotheismus
der griechischen Philosophie wurde für
die christliche Theologie ein Problem. Als die christliche Kirche
unter Kaiser Konstantin die äußere Freiheit erhielt,
brach das Problem auf. Im Konzil von Nicäa (325) ging es um
die Frage, ob Jesus nur Mensch, oder ob er wirklich Gott war. In
der Treue zu den Aussagen der christlichen Bibel hielt das Konzil
gegen die Vorgaben der griechischen Philosophie daran fest, daß Jesus
von Nazareth wirklich Gottes Sohn ist.
Es stellte fest, daß er
nicht geschaffen, sondern der aus dem Vater gezeugte Sohn und damit
wirklich Gott ist. Gibt es also in Gott doch mehrere Subjekte?
Um zu einer weiteren begrifflichen Klärung zu kommen, hat
das I. Konzil von Konstantinopel im Jahr 381 die Gottheit,
die allen göttlichen Personen gleichermaßen zugeschireben
wird, mit Ousia (Wesen, Sein) benannt und die Unterschiedenheit
der drei Personen mit Hypostase. Eine Ousia in drei Hypostasen
war also die Begrifflichkeit, die man ein halbes Jahrhundert nach
dem Konzil von Nicäa gewählt hat. Wenn Jesus aber Gott
ist, dann ergibt sich sofort das Problem, wie in Jesus Christus
Gottheit/Gott-Sein
und Menschheit/Mensch-Sein unterschieden werden können. War
die Menschheit Jesu nur „Schein“ oder war nur der Körper
Jesu menschlich und die göttliche Hypostase, nämlich
die zweite göttliche Person, an die Stelle der menschlichen
Seele getreten? Alle Varianten wurden durchgespielt. s. christologische
Streitigkeiten.
Konnte der Begriff Hypostase bei der Klärung
weiterhelfen? Da man die Erlösung in Frage stellte, wenn nur
der Körper des Jesus von Nazareth wirklich menschlich war,
mußte man zu der Überzeugung kommen, daß Jesus
eine menschliche Seele mit einem eigenen Willen hat. Denn wenn
die Seele nicht in Jesus erlöst wird, dann hat keine wirkliche
Erlösung stattgefunden.
Wenn Jesus wirklicher Mensch mit Leib und Seele war, dann war er
ein menschliches Subjekt und damit eine menschliche Hypostase.
Dabei wird im 4. Jahrhundert der Begriff Hypostase noch sehr allgemein
gebraucht, er konnte z.B. auch materiellen Besitz bedeuten; erst
durch die christologischen Auseinandersetzungen ist er dann im
6. Jh. verfeinert worden. Unser heutiger Subjektbegriff hat
sich in dieser Ziet erst entwickeln können.
Theodoret, Bischof von Cyrus in den Jahren 423-466, schreibt, „daß die
Hypostasis des Gott-Logos vor den Weltzeiten vollkommen da war
und daß von ihr eine vollkommene Knechtsgestalt angenommen
wurde. ... Wenn nur jede Natur ihre Vollkommenheit besitzt, aber
beide in eins zusammengekommen sind, ... dann ist es fromm, eine
Person und ebenso einen Sohn und Christus zu bekennen, und es ist
nicht unvernünftig, sondern ganz folgerichtig, von zwei vereinigten
Hypostasen oder Naturen zu sprechen.“
Wenn aber in Jesus Christus zwei Hypostasen unterschieden werden,
dann muß man auch von zwei Söhnen sprechen. Dagegen
wendet sich die Schule von Alexandrien, die heute noch in der koptischen
Kirche weiterlebt. Sie sehen das große Erlösungsgeschehen
auseinandergerissen, wenn zwischen dem Sohn Gottes und dem Menschen
Jesus nur eine lose Verbindung bestehen sollte. Deshalb schreibt
der maßgebliche Vertreter dieser Theologenschule, Cyrill
von Alexandrien, im Jahr 431 in der Verteidigung seiner 12 Kapitel
gegen Theodoret von Cyrus, zu Kap.2:
„
Es erfolgt die Einigung nach der Hypostasis, wobei der Ausdruck „nach
der Hypostasis“ nichts anderes bedeutet als nur dies, daß die
Natur oder Hypostasis des Logos, d.h. der Logos selbst, mit seiner
menschlichen Natur wahrhaft geeint wird ohne jede Veränderung
und Vermischung und … als Ein-Christus gedacht wird und es
auch ist, derselbe Gott und Mensch.“
Hypostatische Union bedeutet dann, daß die Einheit von Gottheit
und Menschheit in Jesus durch die Hypostase zustande kommt.
Cyrill spricht sogar von einer neuen Natur, die durch die Menschwerdung
entsteht (s. Monophysitismus), weil
die alexandrinische Theologie die Einheit herausstellen will. Die
Schule von Antiochien, vertreten
durch Nestorius und Theodoret, betont, daß Gottheit und Menschheit
in Jesus Christus nicht vermischt sind (was auch die Alexandriner
nicht leugnen wollen) und daher unterschieden bleiben müssen.
Das erklärt warum Theodoret „Hypostase“ mehr im
Sinne von Natur gebraucht. Seine Schule sieht in Christus zwei
Naturen,
die unterschieden bleiben. Hypostase wird von Cyrill dagegen mehr
im Sinne von Person gebraucht. Das ist problematisch: für
Theodoret wie für Cyrill ist eine Natur ohne Hypostasis nicht
vorstellbar. Weil Cyrill die Einheit der Person Christi so wichtig
ist und er die Vermischung nicht fürchtet, bleibt er bei Hypostasis
oder Physis, die Antiochener dagegen vermeiden den Begriff Hypostasis,
um die einheit in Jesus christus zu bezeichnen
und verwenden statt dessen den unbelasteten Begriff Prosopon.
Erst im 6. Jh. kommt es im Gefolge des Konzils von Chalcedon zur Überlegung,
dass die menschliche Natur Christi wohl eine Hypostase habe, aber
eben vom ersten Moment der Empfängnis an die der zweiten göttlichen
Person, und so ist sie enhypostatisch, d.h. hat ihre Hypostase
in einer anderen. Diese Begriffsbildung von der Enhypostasie hat
dann die strikt alexandrinische Richtung und bis heute die koptische
und armenische Kirche nicht mitvollzogen.
Die theologische Diskussion zwischen der alexandrinischen und antiochenischen
Schule zeigt, daß der Begriff Hypostase nicht deutlich genug
das einigende Prinzip in Jesus Christus bezeichnen kann. Der Begriff
leistet jedoch in dieser Zeit noch etwas, nämlich daß er
die subjekthafte Wirklichkeit bezeichnet, das, was trägt,
während der griechische Begriff Antlitz (Prosopon) die Einheit
noch nicht deutlich genug als wirkliche, in sich selbst existierende
deutlich machen kann. In der Diskussion bildet sich aber der Begriff
Person immer mehr heraus, so daß er wie für uns heute
die Wirklichkeit des Subjektes bezeichnen kann. So schreibt Theodoret:
"Als wahrhaftigen Gott und wahrhaftigen Menschen bekennen wir uns
Herrn Jesus Christus, und wir teilen den Einen nicht in zwei Prosopa
(Personen), sondern glauben, daß zwei Naturen unvermischt
geeint sind.“ In der sog. Unionsformel
zwischen beiden Schulen aus dem Jahr 433 wird nicht mehr von
Hypostasen gesprochen, sondern diese läuft
auf den Begriff Prosopon zu und zeigt, wie sich in den Auseinandersetzungen
um das Verständnis der Menschwerdung sich der Personbegriff
langsam herausgebildet hat.
„
Wir bekennen, daß unser Herr Jesus Christus, der einziggeborene
Sohn Gottes, vollkommener Gott und vollkommener Mensch aus vernünftiger
Seele und Leib, vor den Weltzeiten aus dem Vater nach der Gottheit,
aber am Ende der Tage als derselbe um unseretwillen und um unserer
Errettung willen aus Maria der Jungfrau nach der Menschheit geboren
wurde, dem Vater wesensgleich nach der Gottheit und derselbe uns
wesensgleich nach der Menschheit. Denn es ist eine Einigung der
Naturen erfolgt. Einen Christus, Einen Sohn, Einen Herrn bekennen
wir daher.
Gemäß dieser Vorstellung von der unvermischten Einigung
bekennen wir die heilige Jungfrau als Gottesmutter, weil der Gott-Logos
Fleisch und Mensch geworden ist und unmittelbar von der Empfängnis
an den aus ihr genommenen Tempel (d.i. sein Leib) mit sich vereinigt
hat.
Wir wissen aber, daß die von Gott lehrenden Männer die
evangelischen und apostolischen Worte über unseren Herrn teils
gemeinsam auf eine Person (Prosopon) beziehen, teils gleichsam
auf zwei Naturen verteilen und die gottgemäßen Worte
der Gottheit Christi, die niedrigen aber entsprechend seiner Menschheit
erklären.“
Mit den hier „niedrigen Worten“ sind u.a. die im Garten
Gethsemane gemeint, als Jesus den Vater bittet, „daß der
Kelch an ihm vorübergehe.“
Zur Begriffsentwicklung
Der Begriff „Hypostatische Union“ geht auf Cyrill von
Alexandrien zurück. Der Theologe Maximus Confessor ging 200
Jahre nach den oben beschriebenen theologischen Diskussionen der
Frage nach, ob Jesus einen menschlichen Willen hatte. (s. Monotheletismus)
„
Von gleicher Hypostase (Subjektsein) ist, was mit einem anderen zu
einer und derselben Hypostase zusammengefügt ist, wie es sich
verhält bei Seele und Leib und allem anderen, was bei unterschiedlicher
und andersartiger Natur gemäß der Hypostase geeint ist.
Wenn also etwas mit einem anderen in Einheit verbunden ist, dann
existiert es als dasselbe gemäß der Hypostase … es
ist also die hypostatische Union, die die unterschiedlichen Wesenheiten
oder Naturen zu einer Person und ein und derselben Hypostase (Subjektsein)
zusammenführt und bindet. ….
Wenn wir von einer Einigung gemäß der Hypostase sprechen,
dann erkennen und bekennen wir, daß die Einigung der Naturen
zu einer Hypostase erfolgt ist. …
Durch seine Gottheit wurde er nicht gehindert, Mensch zu werden,
noch wurde er durch seine Menschwerdung im Gottsein gemindert, der
eine und selbe besteht ganz in beiden Naturen …
Opuscula theologica, Ambiguorum liber II um 640 bzw. um 630
Eckhard Bieger
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