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Wie kam es
zur Hinrichtung Jesu?
Der Tod Jesu gibt viele
Fragen auf. Diese Fragen sind nicht nur theoretischer Natur,
sondern je nach ihrer Beantwortung gestaltet
sich das Verhältnis der Christen zu den Juden. Wenn Pilatus
den Tod Jesu zu verantworten hat, dann wäre der römische
Staat verantwortlich für dne Tod. Die Evangelien berichten
aber, daß Pilatus
Jesus frei bekommen wollte. Er ließ den Barrabas, „einen
Aufrührer, der bei einem Aufstand einen Mord begangen hatte“ vorführen.
Die Juden konnten wählen, ob dieser zum Fest freikommen sollte
oder Jesus. „Pilatus fragte sie: Wollt ihr, daß ich
den König der Juden freilasse? Er merkte nämlich, daß die
Hohenpriester nur aus Neid Jesus an ausgeliefert hatten. Die Hohenpriester
wiegelten die Menge auf, lieber die Freilassung des Barrabas zu
fordern. Pilatus wandte sich von neuem an sie und fragte: Was soll
ich dann mit dem tun, den ihr den König der Juden nennt? Da
schrieen sie: Kreuzige ihn.“ Markus 15,7-13
Dieses „Kreuzige ihn“ hallt durch die Geschichte. Christen
bezeichneten die Juden als „Gottesmörder“. Unschuldig
waren die Juden sicher nicht.
Wenn Jesus als der Gesandte Gottes, als Messias
hingerichtet wurde, hat dann Gott selbst ihn dem Tod überantwortet?
Gott brauchte keine Genugtuung für die Sünden der Menschen
Anselm von Canterbury, ein Theologe, der um 1100 gelebt hat, entwickelte
die sog. Satisfaktionstheorie. Er wendet sich mit seiner Argumentation
an Juden und den Islam, die Jesus Christus nicht als den Erlöser
anerkennen, um zu erklären, warum Jesus Mensch wurde. SeineÜberlegung:
Weil der Mensch durch seine Sünde die Ordnung des Kosmos gestört
hat, ist eine Wiederherstellung der ursprünglichen Ordnung
notwendig. Die Sünde verlangt Wiedergutmachung, entweder durch
Strafe oder durch Genugtuung. Da Gott das ewige Heil des Menschen
will, bleibt nur die Genugtuung als Möglichkeit. Da die Schuld
unendlich groß ist, denn Gott wurde beleidigt, ist der Mensch
zu klein und zu schwach, aus eigenen Kräften Genugtuung zu
leisten. Nur wenn Gott selbst Mensch wird, kann die ursprüngliche
Ordnung und damit die Ehre Gottes wieder hergestellt werden. Die
Erklärung des Anselms fand schon zu seiner Zeit nicht allgemeine
Zustimmung, der französische Theologe Peter Abaelard zeigt,
daß eine juristisch gefaßte Satisfaktionstheorie die
Dimension der Liebe, die für Jesus zentral war, nicht erfaßt.
Auch erklärt die Theorie nicht, wie es zur Überwindung
der sündigen Haltung im Menschen kommt. Die Sündhaftigkeit
des Menschen ist in einer religiösen und nicht politischen
Interpretation die Ursache für die Verurteilung Jesu. Denn
wäre
der Mensch nicht Sünder, wäre auch nicht auf die Idee
gekommen, andere durch Geißelung und Kreuz hinzurichten.
Die Hinrichtung Jesu
proviziert keinen Haß seiner Jünger gegen die Juden
Daß die
Juden am Tod Jesu eine Mitschuld tragen, wird von der ersten
christlichen
Generation behauptet, aber daraus folgt
kein Haß auf die Juden. Vielmehr ruft Petrus seine jüdischen
Mitbürger auf, in dem auferstandenen Jesus den verheißenen
Messias, den Christus, den Gesalbten zu erkennen. Das Sterben Jesu
wird nicht auf die Tat einzelner, auch nicht des jüdischen
Volkes bezogen, sondern auf die Sünden aller. Die Evangelien
liefern selbst eine Interpretation, die den Mechanismus erklärt,
der zum Tod Jesu führte. Diese Interpretation bezieht auch
die Stimmungslage ein, in der sich die Bevölkerung damals
befunden hat.
Die Ausstoßung des Sündenbocks:
Das Volk fühlte sich unterdrückt, Das Land war vom römischen
Militär besetzt, Es gab Aufstände, die jeweils niedergeschlagen
wurden. Ob in einer Abteilung, in einer Sportmannschaft oder in
einem Volk, wenn die Stimmung immer schlechter wird, muß ein
Entlastungsmechanismus greifen, damit das Zusammenleben wieder
erträglich wird.
Ein wirksamer Mechanismus, der sowohl das Streitpotential wegschafft
wie auch eine neue Solidarität bewirkt, ist die Ausstoßung
oder sogar Hinrichtung eines Sündenbocks. Der Begriff leitet
sich von einem Ritus des Alten Testaments her. Jährlich wurde
ein Bock in die Wüste
getrieben, dem man vorher die Schuldlasten in der Form aufgeladen
hat, daß die Männer ihre Fäuste auf das Haupt des
Bockes gestemmt hatten. Viel wirkungsvoller als ein Tieropfer sind,
zumindest in der Neuzeit, Menschenopfer. Der Mechanismus funktioniert
so, daß ein Außenseiter zum Schuldigen erklärt,
immer mehr in die Enge getrieben und schließlich umgebracht
wird. In vielen Fällen läuft das so ab: Die unguten Gefühle
und Mißstimmungen werden einer Person zur Last gelegt. Wenn
diese beseitigt ist, ist man die Gefühle los und empfindet
eine neue Solidarität. Wir nennen das Mobbing. Im Johannesevangelium
wird der Sachverhalt genau beschrieben. Der Hohepriester Kajaphas
stellt fest: "Ihr bedenkt nicht, daß es besser für
euch ist, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als
wenn das ganze Volk zugrunde geht.“ Text s.u.
Offensichtlich hat auch Jesus den Mechanismus durchschaut, denn
er hat nicht für sein Überleben gekämpft – wohl
deshalb, um den Mechanismus zu überwinden. Denn der Mechanismus
funktioniert nur so lange, wie er nicht durchschaut wird, z.B.
wenn eine Gruppe, die z.B.im eigenen Land Fremde sind, oder ein
anderes Volk als „böse“ hingestellt
werden kann, darf man diese Menschen hassen. Das bewirkt bei der
Mehrheit ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Als Pilatus
den durch die Geißelung zerschundnen jungen Mann der Menge
vorführt, bewirkt das nicht etwa Mitleid, sondern den Ruf „Kreuzige
ihn“. Der Sündenbock muß tatsächlich getötet
werden, sonst wirkt der Mechanismus nicht. Indem Jesus sich nicht
gegen seine Tötung stemmt, überwindet er den Mechanismus,
den er vorher schon im Gebot der Feindesliebe angeprangert hat.
Feindesliebe heißt nämlich nicht, daß ich alle
Menschen sympathisch finden muß, wohl aber, daß meine
Antipathien und Haßgefühle mir nicht erlauben, den anderen
zu mißachten, ihm zu schaden, ihn umzubringen. Der Karfreitag erinnert jedes Jahr an diesen Mechanismus, den Jesus hingenommen
hat.
Mobbing will nicht
den physischen, wohl aber den sozialen Tod des Opfers. Diesen Mechanismus
von innen her zu überwinden, das könnte Jesus als seinen
Auftrag verstanden haben. Viele, die ihm nachgefolgt sind, wurden
von dem Mechanismus von Verfolgung, Rache und Haß nicht mehr
in Besitz genommen, so wie wir es die letzten Jahrzehnten in vielen
religiös bestimmten Auseinandersetzungen erleben, ob in Palästina
oder Nordirland. Alle Getauften, die Jesus nachfolgen, könnten
sich dem Sündenbockmechanismus entziehen. Die
Jünger und die Märtyrer der frühen Kirche haben
Jesus verstanden. Das zeigt sich daran, daß sie nicht
mit Haß-
und Rachegefühlen auf die Verfolgung und ihr Hinrichtung reagiert
haben. Die Anhänger Jesu lernten durch die Lieder vom Gottesknecht,
den Sinn des Leidens zu verstehen.
Der Mechanismus
von Ausgrenzung und Vernichtung eines Opfers kann nur solange funktionieren,
wie er von den Beteiligten nicht
durchschaut wird. Erlösung ist durchaus für die real,
die der Mechanismus nicht mehr in Besitz nehmen kann. Wie wirksam
der Mechanismus allerdings ist, zeigt die Judenvernichtung im
Nationalsozialismus. Diese war nur möglich, weil die Juden
als Feinde des deutschen Volkes und Verursacher der wirtschaftlichen
Probleme hingestellt wurden und die
Deutschen das geglaubt haben.
Christentum und Islam gehen von dem jüdischen Geschichtsbild
aus, daß am Ende der Geschichte Gott selbst in einem Weltgericht
endgültig die Trennung zwischen Gut und Böse vornimmt.
Zugleich ist Gott die Instanz, die dem Menschen auch gravierendes
Fehlverhalten vergeben und damit in den Zustand der Sündenlosigkeit
versetzen kann. Daß Gott nicht nur die Sünden vergibt,
sondern den entscheidenden Mechanismus, mit dem Menschen sich gegenseitig
vernichten, überwinden wollte, das hat zum Kreuzestod Jesu
geführt. Das leistet die Vernunft nicht, denn dafür ist
der Mechanismus zu stark, nicht zuletzt deshalb, weil nach der
Ausstoßung und Vernichtung des Sündenbocks sich ein
neues Gemeinschaftsgefühl herstellt. Das hat der Evangelist
Lukas beobachtet. Dieser Evangelist überliefert, daß Pilatus
Jesus zu Herodes geschickt hat. Dieser wollte ihn verhören,
doch Jesus schwieg.
„
Herodes und seine Soldaten zeigten ihm offen ihre Verachtung. Er
trieb seinen Spott mit Jesus, ließ ihm ein Prunkgewand umhängen
und schickte ihn zu Pilatus zurück. An diesem Tag wurden Herodes
und Pilatus Freunde; vorher waren sie Feinde gewesen.“ Kap.23,11-12
Wenn zwei Freunde werden, rechtfertigt das für sie die Ausstoßung
des Opfers.
Zitate
Daß Jesus von der jüdischen Obrigkeit die Rolle des
Sündenbocks bewußt zugeteilt wurde, berichtet Johannes
nach der spektakulären Auferweckung des Lazarus:
„
Da beriefen die Hohenpriester und die Pharisäer eine Versammlung
des Hohen Rates ein. Sie sagten: Was sollen wir tun? Dieser Mensch
tut viele Zeichen. Wenn wir ihn gewähren lassen, werden alle
an ihn glauben. Dann werden die Römer kommen und uns die heilige
Stätte und das Volk nehmen. Einer von ihnen, Kajaphas, der
Hohepriester jener Jahre, sagte zu ihnen: Ihr versteht überhaupt
nichts. Ihr bedenkt nicht, daß es besser für euch ist,
wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das
ganze Volk zugrunde geht. Das sagte er nicht aus sich selbst, sondern
weil er der Hohepriester jenes Jahres war, sagte er aus prophetischer
Eingebung, daß Jesus für das Volk sterben werde. Aber
er sollte nicht nur für das Volk sterben, sondern auch, um
die versprengten Kinder Gottes wieder zu sammeln. Von diesem Tag
an waren sie entschlossen, ihn zu töten.“ Kap.11, 47-53
Wie die Jünger seinen Tod sehen, zeigt folgende überlieferte
Predigt des Petrus:
„
Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs hat seinen Knecht Jesus verherrlicht,
den ihr verraten und vor Pilatus verleugnet habt, obwohl dieser
entschieden hatte, ihn freizulassen. Ihr aber hat den Heiligen
und Gerechten verleugnet und die Freilassung eines Mörders
gefordert. Den Urheber des Lebens habt ihr getötet, aber Gott
hat ihn von den Toten auferweckt. Dafür sind wir Zeugen, ebenso
wie eure Führer. Gott aber hat auf diese Weise erfüllt,
was er durch den Mund aller Propheten im Voraus verkündet
hat: daß der Messias leiden werde. Also, kehrt um und tut
Buße, damit eure Sünden getilgt werden und der Herr
Zeiten des Aufatmens kommen läßt .... Nun Brüder,
ich weiß, ihr habt aus Unwissenheit gehandelt, .... für
euch zuerst hat Gott seinen Knecht erweckt und gesandt, damit er
euch segnet und von jeder Bosheit abbringt.
Apostelgeschichte 3, 11-15, 17-20, 26
Eckhard Bieger
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