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Die Rechtfertigung
Gottes angesichts des Übels in der Welt
Wie kann Gott angesichts
des Bösen und des Übels gerechtfertigt werden.
Der Begriff wurde von Leibniz erstmals in seinem Buch von
1710 über die Theodizee, die Gutheit Gottes, die Freiheit
des Menschen und die Ursache des Bösen. Theodizee leitet
sich vom Griechischen Theos (Gott) und Dikae (Gerechtigkeit)
her.
Der Widerspruch
zwischen der Allmacht Gottes und seiner Gutheit
Das Problem entsteht nicht nur denkerisch, sondern für
den Menschen, der an Gott glaubt und von einem großen
Leid oder sogar von einem Verbrechen heimgesucht wird. „Wie
kann Gott das zulassen?“ ist die Frage. Denkerisch ergibt
sich das Problem, wenn man von Gott sagt, daß er nur
das Gute will. Wenn Gott allmächtig ist, müßte
er das Böse, das Üble, das einem Menschen widerfährt,
verhindern. Entweder ist Gott gut und nicht allmächtig.
Dann gäbe es einen Mächtigeren als Gott, also das
Böse: Das war die Befürchtung der Germanen, die von
einem Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen ausgingen
und damit rechneten, daß das Böse gewinnt. Da Gott
nur als allmächtig gedacht werden kann, sonst ist er nicht
gut, muß er offensichtlich das Böse einplanen. Wie
kann aber Gott dann der Gute sein. Der Widerspruch ist philosophisch
nicht zu lösen. Der französische Schriftsteller Stendal
folgert: „Die einzige Entschuldigung Gottes (angesichts
des Übels in der Welt) ist, daß er nicht existiert.“
Allerdings kann aus der Tatsache des Übels nur dann die
Frage der Existenz Gottes abgeleitet werden, wenn man eine
höchste Macht annimmt, die zugleich in sich gut ist. Ohne
die Idee eines guten Gottes entsteht die Frage nachdem Übel
erst gar nicht. Dann ist die Welt eben so, wie sie ist. Denn
ohne das Gute könnte man das Böse gar nicht erkennen.
Böses gibt es nur, wenn es auch Gutes gibt. Das Übel
setzt das Gute voraus. Dann muß es auch eine Macht geben,
die das Gute will. Die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts mit
den Diktaturen zeigt dann, daß atheistische Systeme,
die ja eine bessere Welt herbeiführen wollen, immer mehr
in das Üble geraten. Ohne Gott scheint die Würde
des Menschen nicht geschützt – wenn er sich nämlich
gegen die Machthaber wendet. So wurden Menschen, die dem Rassenideal
der Nationalsozialisten sehr wohl entsprachen und damit lebenswert
waren, hingerichtet, wenn sie das Regime ablehnten. Nicht wenige
der Widerstandskämpfer waren groß gewachsen und
blond. Das hat sie aber nicht davor bewahrt, von den Nationalsozialisten
getötet zu werden.
Versuche,
das Übel zu erklären
Bereits die griechische Morallehre der Stoa hat versucht, Gott
gegenüber der Tatsache des Übels zu rechtfertigen.
So wurde der erzieherische Wert des Leidens für den herausgestellt,
der ohne eigene Schuld leidet. Für den, der Böses
tut, ist das Leiden Folge seiner Fehler und Vergehen. Leibniz
führt weitere Erklärungen an. Zum einen geht er davon
aus, daß Gott nur die beste aller Welten schaffen konnte
und daß daher das Böse gar nicht vorherrschend werden
kann. Zudem würde ein Übel ein Gut bewirken, aus
der Erfahrung des Krieges erwächst der Wille zum Frieden.
Zudem müsse Gott das Übel zulassen, wenn er die Freiheit
des Menschen wirklich wolle.
Diese Versuche, das Übel als Teil der an sich guten Schöpfung
zu erklären, befriedigen nicht. Vor allem kann das Böse,
das den Unschuldigen trifft, nicht damit erklärt werden,
daß es ihm zur Erziehung gereicht. Das hat im Übrigen
das Christentum auch nie getan. Dann hätte es den Kreuzestod
Jesu als Erziehungsmaßnahme Gottes für seinen Messias
deuten müssen. Vielmehr hat es das dem Menschen angetane
Leid als Anteilnahme an dem Schicksal Jesu gedeutet, der unschuldig
verurteilt wurde.
Das Buch
Hiob
Im Alten Testament ist ein einzelnes Buch der Frage gewidmet,
wie der Mensch sein Leiden verstehen kann. Hiob heißt
die Figur, die viele Schriftsteller inspiriert hat. Gott erlaubt
dem Satan, Hiob zu versuchen, indem er ihm alles nimmt, was
sein Leben ausmacht. Seine Kinder kommen um und er verliert
seinen ganzen Besitz. Trotz des Leids, das ihm zugefügt
wurde, zweifelt Hiob nicht an Gott. Die Freunde Hiobs versuchen
ihm zu erklären, daß er sich verfehlt haben muß und
daher sein Leiden als Strafe zu verstehen sind. Diese Erklärung
wird im Hiobbuch als nicht tragfähig erwiesen. Eine Antwort
erhält Hiob allerdings nicht. Der Leser des Hiobbuches
lernt, daß der Mensch seine Klage vor Gott bringen kann,
ohne daß damit Gott beleidigt würde.
Der Leidensweg
Jesu
Die Antwort, die Hiob nicht erhalten hat, gibt der Leidensweg
Jesu. Gott selbst solidarisiert sich mit den vielen unschuldig
Verurteilten und Verfolgten. Der Sohn Gottes erleidet das Böse,
ohne daß Gott rächend eingreift. So überwindet
er das Böse von innen her. Gott will das Böse nicht
einfach vernichten, indem er den Bösen umbringt. Jesus
nimmt das Böse ohne Widerstand hin. (Sündenbock)
Die Überwindung des Bösen liegt nicht in der Vernichtung
der Gegner Jesu, sondern daß der Hingerichtete in ein
neues Leben auferweckt wird. Auferstehung heißt
die Neuschöpfung einer Welt, in der Übel und Tod
nicht mehr herrschen, sondern Gott allein.
Auch wenn Gott die Welt nicht in Krieg und Unrecht versinken
läßt, sondern die Geschichte zu einem guten Ende
führt, die Tatsache des Bösen mit all seinen Übeln
bleibt dem Menschen ein Rätsel, das immer wieder dazu
herausfordert, das Böse in Krimis, Thrillern zu zeigen,
um es anfänglich erklären, aber nicht letztlich ergründen
zu können.
Zitate
„Wenn es Gott
gibt, woher kommt das Böse? Doch woher kommt das Gute,
wenn es ihn nicht gibt.“
Boethius (cons. I 4p, 100f)
„ Es ist der Irrtum derer auszuschließen, die aus den Übeln
der Welt folgern, daß Gott nicht ist. … Sie fragen: Wenn Gott ist,
woher dann das Übel? Aber man muß sagen: Wenn es das Übel gibt,
dann gibt es Gott. Denn das Übel wäre nicht, wenn die Ordnung des Guten
nicht bestünde, dessen Beraubung das Übel ist. Diese Ordnung wäre
aber nicht, wenn Gott nicht wäre.“
Thomas von Aquin, Summa contra Gentiles III, 71
„Es ist nur
eine Welt möglich, eine durchaus gute. Alles, was in
der Welt sich ereignet, dient zur Verbesserung und Bildung
des Menschen und vermittels dieser zur Herbeiführung
ihres irdischen Zieles. Dieser höhere Weltplan ist es,
was wir Natur nennen, wenn wir sagen: Die Natur führet
den Menschen durch Mangel zum Fleiße, durch die Drangsale
ihrer unaufhörlichen Kriege zum endlichen ewigen Frieden.
Dein Wille, Unendlicher, deine Vorsehung allen ist diese
höhere Natur.“
Johann Gottlieb Fichte, Die Bestimmung des Menschen, Berlin
1800, S. 147
„Wenn kein
Gott ist, dann gibt es – letztlich – kein Gutes.
Nicht in der Zukunft für die Zu-kurz-Gekommenen, Erniedrigten,
Beleidigten; erst recht nicht für die Henker – oder
auch tatenloser Genießer. Von dorther aber auch nicht
ernstlich im Heute. Glück wäre dann nur auf Grund
von Wegsehen, Vergessen, denkbar.
Jörg Splett, 1996, Denken vor Gott, Frankfurt 1996, S.
309
„Leiden, Schuld
und Tränen schreien nach realer Überwindung des Übels.
Daher ermöglicht erst die Einheit von Schöpfung
und Erlösung im Horizont der Eschatologie eine haltbare
Antwort auf die Frage der Theodizee, die Frage nach der Gerechtigkeit
Gottes in seinen Werken. Genauer gesagt, es ist allein Gott
selbst, der eine wirklich befreiende Antwort auf diese Frage
zu geben vermag, und er gibt sie durch die Geschichte seines
Handelns in der Welt und insbesondere durch dessen Vollendung
mit der Aufrichtung seines Reiches in der Schöpfung.
Solange die Welt isoliert im Blick auf ihre unvollendete
und unerlöste Gegenwart einerseits, unter dem Gesichtspunkt
ihres anfänglichen Hervorgangs aus den Händen des
Schöpfers andererseits, betrachtet wird, bleibt die
Tatsache des Bösen und des Übels in der Schöpfung
ein auswegloses Rätsel.“
Wolfhart Pannenberg, Schöpfungsglaube und Theodizee, in „Systematische
Theologe“ Bd. 2, Göttingen 1991, S. 193
Eckhard
Bieger S.J.
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