Pressemitteilungen der
Deutschen Bischofskonferenz

Johannes Paul II. in Deutschland 1996

Kirche und Bildung

Die katholische Kirche hat ihren Auftrag zur Weltgestaltung aus christlichem Geist stets auch als Bildungsaufgabe verstanden. Über Jahrhunderte hin war sie neben der Familie praktisch die einzige Anbieterin öffentlicher gemeinschaftlicher Bildung und Erziehung. Ihre Mitverantwortung zur Herausbildung der individuellen Persönlichkeit in den verschiedenen Lebensaltersstufen nimmt die katholische Kirche in Deutschland als Trägerin von Kindergärten, Schulen und Internaten, Hochschulen und Bildungseinrichtungen unterschiedlicher Art wahr. Ziel ist die jeweils altersgerechte Hilfe zur persönlichen Entwicklung, die sich im Spannungsbogen von Freiheit und Verantwortung verwirklicht.

Kindergärten in katholischer Trägerschaft Einen Schwerpunkt des kirchlichen Engagements im Bildungsbereich bilden seit jeher die vorschulischen Kindergärten, die eine familienergänzende Förderung bieten und für Familien, in denen beide Eltern berufstätig sind, und für Alleinerziehende wachsende Bedeutung bekommen. Der gesetzlichen Garantie auf einen Kindergartenplatz für Drei- bis Sechsjährige können die Kommunen als Träger der öffentlichen Jugendhilfe nur deshalb annähernd nachkommen, weil rund 70 Prozent der bestehenden Einrichtungen in den alten Bundesländern von freien Trägern unterhalten werden; aufgrund der Verhältnisse in der ehemaligen DDR werden in den neuen Bundesländern die meisten Einrichtungen von der Öffentlichen Hand, etwa 11 Prozent von Betrieben und 3 Prozent von den Kirchen getragen.

Die katholische Kirche unterhält bundesweit über 9300 Kindergärten, zumeist durch die örtlichen Pfarrgemeinden; rund 60.000 pädagogische bzw. pflegerische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betreuen darin rund 640.000 Kinder. Sie bieten Erziehung und kindliche Bildung, die auf dem christlichen Welt- und Menschenbild basiert, und sind im Zusammenwirken mit den Eltern bestrebt, sittliche und religiöse Wertvorstellungen grundzulegen. Gleichwohl sind die katholischen Kindergärten grundsätzlich auch für nichtkatholische Kinder offen, die durchschnittlich etwa 20 bis 30 Prozent ausmachen. Einen wachsenden Anteil stellen konfessionslose und islamische Kinder dar. Unterschiedliche religiöse und kulturelle Grundlagen der Kinder werden nicht nur als erzieherisches Problem, sondern auch als Chance zur Entwicklung von gegenseitigem Verständnis und Toleranz gesehen.

Katholische Schulen Das gesamte Schulwesen in der Bundesrepublik Deutschland steht unter der Aufsicht des Staates. Die weitaus überwiegende Zahl der Schulen befindet sich in staatlicher Trägerschaft; ein ausgeprägtes Privatschulsystem wie in den Niederlanden, Belgien und anderen europäischen Ländern gibt es nicht. Auf der Grundlage von Art. 7 Abs. 4 des Grundgesetzes („Das Recht zur Errichtung von privaten Schulen wird gewährleistet.”) nimmt die katholische Kirche jedoch das Recht wahr, eigene Schulen zu unterhalten, die als „Ersatzschulen” weitgehend staatlich finanziert werden.

Über 50 Prozent der Schulen in freier Trägerschaft sind katholische Schulen. Die letzterhobene Statistik (Schuljahr 1992/93) weist für die Bundesrepublik 1.184 katholische Schulen mit 302.965 Schülerinnen und Schülern aus. Die Verteilung auf die einzelnen Bundesländer entspricht der jeweiligen konfessionellen Zusammensetzung der Bevölkerung; die meisten katholischen Schulen bestehen in Nordrhein-Westfalen mit 347 und in Bayern mit 298. Trotz der extremen Diasporasituation in den neuen Bundesländern wurden dort nach der Wiedervereinigung katholische Schulen neu gegründet, und zwar im Ostteil Berlins 4, in Brandenburg 7, in Mecklenburg-Vorpommern 1, in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen jeweils 8.

In der Trägerschaft von Orden, Diözesen, kirchlichen Stiftungen oder Gemeindeverbänden stehen bundesweit nach Schulformen 209 Gymnasien, 183 Sonderschulen, 170 berufsbildende Schulen, 159 Realschulen, 111 Grund- und Hauptschulen, aber auch 6 Gesamtschulen und 27 Abendschulen und Kollegs sowie 308 Schulen des Gesundheitswesens. Hinzu kommen 343 Internate. 30 Prozent der katholischen Einrichtungen sind Mädchenschulen. Die Nachfrage bei den katholischen Schulen übersteigt regelmäßig die Aufnahmekapazität. Rund zehn Prozent der Schülerinnen und Schüler sind nichtkatholisch; in den neuen Bundesländern besuchen im Schnitt je ein Drittel katholische, evangelische und nicht getaufte Kinder und Jugendliche die katholischen Privatschulen.

Schulischer Religionsunterricht Der schulische Religionsunterricht hat in Deutschland gegenüber anderen Ländern eine rechtlich einzigartige Stellung: Er ist als einziges Fach im Grundgesetz verankert; dort heißt es in Art. 7 Abs. 3: „Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach.”

Als integrierter Teil des Unterrichts in allen Schulformen unterliegt der Religionsunterricht der staatlichen Aufsicht. Die inhaltliche Ausgestaltung ist hingegen Angelegenheit der Religionsgemeinschaften. Die Kirche entwickelt Lehrpläne, approbiert die Schulbücher für den Religionsunterricht und überprüft die Einhaltung ihrer kirchlichen Lehre. Religionslehrer bedürfen einer eigenen Beauftragung durch die Kirche, der „Missio canonica”.

Die Rückbindung an Glauben und Leben der konkreten kirchlichen Gemeinschaft ist nach Ansicht der katholischen Kirche unabdingbar für den Religionsunterricht; sie unterscheidet ihn von einer bloßen Religionskunde oder einem religionsvergleichenden Fach. Die Kirche hält daher entgegen manchen Bestrebungen prinzipiell an der im Grundgesetz vorgesehenen Konfessionalität des Religionsunterrichtes fest. Das bedeutet, daß er zugleich in seinen Inhalten auch ökumenisch ausgerichtet ist und offen bleibt für Kooperationen über konfessionelle Grenzen hinweg.

Der kirchliche Charakter des schulischen Religionsunterrichtes bedingt, daß er nicht für alle Schüler unter allen Umständen verpflichtend sein kann. Schülerinnen und Schülern ab dem 14. Lebensjahr wird daher das Recht eingeräumt, sich abzumelden; bei jüngeren steht das Recht den Eltern zu. Die in den siebziger und achtziger Jahren stark gestiegenen Zahlen von Abmeldungen sind in der jüngsten Zeit wieder rückläufig. Nach Schätzungen bewegt sich bundesweit der Anteil der Schüler, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen, zwischen drei und zehn Prozent. In einigen Bundesländern müssen diese Schüler einen staatlich eingerichteten Ethikunterricht oder das Fach Philosophie besuchen.

In den neuen Bundesländern, für die seit der deutschen Einigung das Grundgesetz gilt, trifft die Einführung des Religionsunterrichts auf die Tatsache, daß nur eine Minderheit von etwa einem Viertel der Schüler getauft ist. Daher stehen in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen konfessioneller Religionsunterricht und das Fach Ethik gleichberechtigt nebeneinander. In Brandenburg hat der Landtag hingegen im März beschlossen, anstelle eines kirchlich verantworteten Religionsunterrichtes das Fach „Lebensgestaltung - Ethik - Religionskunde” in den Pflichtkanon der Schulen aufzunehmen. Kirchlicher Religionsunterricht ist danach zwar in Schulräumen, aber nur außerhalb des Stundenplans möglich. Gegen diese Regelung legen neben der CDU/CSU-Bundestagsfraktion auch die betroffenen Bistümer Verfassungsbeschwerde ein.

Theologische Fakultäten Katholisch-Theologische Fakultäten bestehen an zwölf staatlichen Universitäten in Deutschland: Augsburg, Bamberg, Bochum, Bonn, Freiburg, Mainz, München, Münster, Passau, Regensburg, Tübingen, Würzburg. Die Theologischen Fakultäten dienen der wissenschaftlichen Ausbildung des Priesternachwuchses, der Religionslehrer und kirchlicher Mitarbeiter, wie der Präsenz der Theologie im interdisziplinären Dialog der Wissenschaften. Sie sind – in gegenseitiger Anerkennung – sowohl staatliche Einrichtungen als auch Fakultäten nach kirchlichem Recht.

Mit ihrer doppelten Funktion gelten sie als Paradebeispiel der „Res mixtae”, der Rechtsfigur der gemeinsamen Angelegenheiten von Staat und Kirche. Ihr rechtlicher Doppelstatus beruht auf Konkordatsrecht, das heißt auf Verträgen zwischen dem Staat und dem Heiligen Stuhl, der völkerrechtlichen Bezeichnung für den Papst als souveränes Oberhaupt der katholischen Kirche. Als staatliche Einrichtungen unterliegen die Theologischen Fakultäten wie alle universitären Einrichtungen der allgemeinen Hochschulrechtsordnung. In kirchlicher Zuständigkeit stehen die Besetzung der Professorenstellen, die Inhalte von Forschung und Lehre, die Studien- und Prüfungsordnungen und die Verleihung akademischer Grade.

Der zuständige Landesminister kann einen Kandidaten nur auf die Professorenstelle einer Theologischen Fakultät berufen, wenn der jeweilige Diözesanbischof erklärt, daß gegen die Berufung keine Einwände bezüglich der Lehre oder des Lebenswandels des Vorgeschlagenen bestehen, der Bischof also das „Nihil obstat” (Es steht nichts dagegen) erteilt. Entzieht der Bischof einem Theologieprofessor die Lehrbefugnis, weil „begründete Einwendungen” (Preußisches Konkordat) gegen Lehre oder Lebenswandel entstanden sind, ist nach den geltenden Konkordaten und Staatskirchenverträgen das betreffende Bundesland verpflichtet, für personellen Ersatz zu sorgen, damit die wissenschaftliche Ausbildung im bestehenden Umfang erhalten bleibt.

Neben den Theologischen Fakultäten bestehen an zahlreichen anderen Universitäten und Hochschulen mehr als 30 katholisch-theologische Institute, die für die wissenschaftliche Ausbildung von Religionslehrerinnen und Religionslehrern bereitstehen.

Im Bereich der Hochschulen unterhält die katholische Kirche in Deutschland in eigener Trägerschaft die Katholische Universität in Eichstätt (mit rund 4.000 Studenten und 120 Professoren) mit Theologischer Fakultät. Hinzu kommen eigenständige Theologische Fakultäten in Fulda, Paderborn und Trier sowie das „Philosophisch-Theologische Studium” in Erfurt, unter dem SED-Regime Ausbildungsstätte für den Priesternachwuchs in der DDR. Diese Hochschulen sind staatlich anerkannt, bieten auch Studiengänge für Laientheologen und besitzen das Promotionsrecht. Die Philosophisch-Theologische Hochschule der Jesuiten in Frankfurt-St. Georgen übernimmt für das Bistum Limburg die Ausbildung künftiger Priester. Weitere Ordenshochschulen befinden sich in Benediktbeuern (Salesianer), München (Jesuiten), Münster (Franziskaner und Kapuziner), St. Augustin bei Bonn (Steyler Missionare) und Vallendar bei Koblenz (Pallottiner); auch die Ordenshochschulen sind staatlich anerkannt und stehen Nicht-Ordensmitgliedern offen.

Neben zwei Fachhochschulstudiengängen für Religionspädagogik und für Sozialwesen, die der Katholischen Universität Eichstätt angegliedert sind, unterhält die Kirche in Deutschland acht staatlich anerkannte Fachhochschulen mit den Fachrichtungen Sozialarbeit und Sozialpädagogik, Pflege, Religionspädagogik und Kirchliche Bildungsarbeit, Bibliothekswesen. Sie vermitteln eine praxisorientierte Ausbildung auf wissenschaftlicher Grundlage und unterscheiden sich von staatlichen Fachhochschulen durch ihre besondere christliche Prägung.

Jugend- und Erwachsenenbildung

Mit einer Vielzahl von Einrichtungen wie den katholischen Akademien der Bistümer, Sozialinstituten, Heimvolkshochschulen, Familienbildungsstätten, Jugendakademien, Jugendbildungszentren engagiert sich die katholische Kirche im Bereich der Jugend- und Erwachsenenbildung. Träger sind diözesane, regionale, örtliche und pfarrliche Bildungswerke mit und ohne feste Einrichtung, besonders auch die katholischen Verbände.

Die Pluralität der Träger und Veranstalter ermöglicht, die Bildungsarbeit zielgruppenorientiert und an örtliche Gegebenheiten angepaßt zu konzipieren. Die Angebote reichen von sozialer, politischer und wissenschaftlicher Thematik über familienpädagogische und religiöse Bildung bis in den künstlerischen und musischen Bereich. Ihre Ziele sind vertiefende Information und Beratung, Meinungsbildung und geistiger Austausch, um Jugendlichen und Erwachsenen zu helfen, sich den Problemen der Gegenwart zu stellen und ihr Leben sinnvoll zu gestalten.

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